Mystik und Politik

Zum 90. Geburtstag meines Lehrers Johann Baptist Metz

| Von Ludger Verst |

Von 1979 bis 1986 habe ich in Münster Theologie studiert. Während ich in den ersten Jahren vor allem in der pastoraltheologischen Sektion meinen Schwerpunkt hatte, entwickelte sich nach und nach ein Interesse für Biblische und vor allem für Systematische Theologie. Ich wollte die Grundlagen theologischen Denkens kennenlernen, ihre Kategorien und ihre großen Themen. Johann Baptist Metz, seit 1963 in Münster Professor für Fundamentaltheologie, galt als ein dem linken Politspektrum zuzurechnender, kritischer Theologe — wohl auch, weil er sich seit seiner „Theologie der Welt“ (1968) in der deutschsprachigen Theologenszene nachdrücklich für Befreiungstheologie starkmachte.

Für mich ist die Begegnung mit dem Menschen und dem Theologen Johann Baptist Metz ein Glücksfall fürs Leben. Ich spräche heute anders, ich dächte heute anders, hätte es diesen Lehrer für mich nicht gegeben. Natürlich waren da die Vorlesungen, die mich als rhetorische Feuerwerke faszinierten, wie ich ohnehin das Habituelle an ihm mindestens unterhaltsam fand. Aber das ist es nicht, allenfalls vordergründig. Je länger und je näher ich ihn erleben konnte — in Haupt- und Oberseminaren, später auch auf Besuchen bei ihm in der Kapitelstraße oder in diversen (eigenen) Interviews fürs Radio — umso mehr wurden mir die Leidenschaft und Tiefgründigkeit seiner Rede von Gott, die immer zugleich eine Rede vom Menschen ist, bewusst.

Das Märchen vom Hasen und dem Igel – gegen den Strich gelesen

Heute, an seinem 90. Geburtstag, möchte ich, wenn auch nicht zum ersten Mal, einen tieferen Grund nennen, warum die Metz’sche Theologie einen so fundamentalen Einfluss auf meine theologische Arbeit entfalten konnte. Dazu greife ich gern auf ein Märchen zurück, auf das Metz gelegentlich Bezug nahm, um uns Studierenden die Unzulänglichkeit einer auch heute noch weithin subjektlosen, „idealistischen Theologie“ vor Augen zu führen. Ich meine das Märchen vom Hasen und dem Igel der Brüder Grimm: Der Igel geht vor dem vereinbarten Wettlauf mit dem Hasen noch mal kurz nach Hause (zum Frühstücken, wie er sagt), um seine Igelfrau zu holen, die bekanntlich genau so aussieht wie ihr Mann, um sie am oberen, entfernteren Ende der Ackerfurche zu postieren, während er sich am unteren Ende neben dem Hasen zum Lauf aufstellt. Wie man weiß, fällt der Hase auf den Igeltrick herein: Er läuft und läuft in seiner Furche; der Igel ist, hier wie dort, immer schon da. Und schließlich – beim siebenundsiebzigsten Lauf – rennt und stürzt sich der Hase auf dem Ackerfeld zu Tode.

Metz wollte mit diesem Text ein bestimmtes Anliegen seiner Rede vom Gott Jesu Christi deutlich machen, nämlich Sympathie zu zeigen für die Kleinen, für die Langsamen und Zu-Kurz-Gekommenen, indem er — zu unserer Überraschung — die gängige Logik des Märchens kurzerhand außer Kraft setzte und sich erlaubte, nicht für den Igel, sondern für den Hasen Partei zu ergreifen.

Aus dieser Lesart habe ich als Theologe Entscheidendes gelernt: Wer von Gott spricht – in welcher Form und in wessen Auftrag auch immer — darf um keinen Preis selbst mit einem solchen Igel-Trick arbeiten. 

Wer von Gott spricht, kann sich das Laufen, also die Hasen-Rolle, nicht ersparen. 

Welche Erfahrungen vom Leben, welche Erfahrungen mit Gott hätte er sonst vorzuweisen? Worüber sollte der reden? Gott ist ja kein ausgeklügelter Trick, den die Theologen nur geschickt verkaufen müssen, so wie der Igel dem Hasen verkauft, er würde laufen und zudem auch noch der Schnellere sein. Auch die Kirchen erwecken oft den Eindruck, sie seien hier wie dort immer schon da mit ihren Antworten, manchmal bevor die Fragen überhaupt gestellt sind. Sie postieren sich gern – in trickreicher Verdopplung – an beiden Enden der Weltgeschichte und sind mit ihren „ewigen Wahrheiten“ über Gott und die Welt uneinholbar immer schon da. 

Theologie als zeitloses Antwort-Set für existenzielle Fragen wurde von Metz als Mogelpackung ein für alle Mal entlarvt. Die Kirche verfügt über gar kein Wissen, das sie ohne den Preis neuer und vor allem eigener Erfahrungen gefahrlos und leidenschaftslos mitteilen könnte. Folglich können Christen sich das Laufen mit all seinen Höhen und Tiefen gerade nicht ersparen. Schon deshalb nicht, weil der Jude Jesus selbst losgelaufen, sich aufgerieben und auf Golgotha auf der Strecke geblieben ist. Hier zeigt sich die kritische Stoßrichtung Metz’scher Theologie. Metz beklagt, dass das kirchlich verfasste Christentum mit dem Verlust seines jüdischen Erfahrungsursprungs selber zum Ausdruck einer schicksalslos-idealistischen, zur „Compassion“ weithin unfähigen Vernunft geworden ist.

Mystik und Politik

Die realgeschichtliche Erfahrung einer zur Unvernunft pervertierten und in ihrem Totalitätsanspruch selbstverblendeten Vernunft hatte schon Adorno dazu bewogen, nicht in der Diskursivität des Denkens, sondern in der Symbolgebrochenheit der Kunst den Selbstbescheidungsprozess der Vernunft erhoffen zu dürfen. Diese Erfahrung hat Metz wie kein zweiter für die Theologie fruchtbar gemacht durch eine — wie er es nennt — „Mystik der schmerzlich geöffneten Augen“, die nicht nur nahe Nächste, sondern gerade „die fremden Anderen“ in den Blick zu nehmen versuche: Vergessene, Ausgebeutete, Verfolgte zum Beispiel. Gerade darin dürfte in diesen Tagen wieder ein besonders vordringlicher politischer Impuls seiner Theologie zu erkennen sein.

Mystik und Politik erweisen sich somit als zwei Stränge ein und derselben jüdisch-christlichen Wurzel: Sie verbinden Leidenschaft für Gott mit Leidempfindlichkeit für andere. Diese Einsicht markiert für mich selbst eine mit den Jahren biografisch wie lebenspraktisch erarbeitete und eingeübte Überzeugung. Sie äußert sich in einer Spiritualität, mit deren Hilfe ich die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen „praktisch“ weitererzähle, indem ich gleichzeitig bereit bin, heilend mitzuwirken.

Advertisements

In-Formation

Wonach der Mensch im Innersten verlangt

| Von Ludger Verst |

Manchmal ist es interessant, die Bedeutung bestimmter Wörter oder Redewendungen auf ihre begriffliche Herkunft hin abzuklopfen, sie etymologisch, wie man sagt, abzuleiten. Natürlich gibt es solche begrifflichen Ableitungen auch von einem so großen und mächtigen Wort wie GOTT — ohne Gott freilich dadurch habhaft werden zu können. Sprachwissenschaftlich gesehen kommt das Wort ‚Gott’ im Deutschen — und ‚god‘ im Englischen — von der indogermanischen Wortwurzel „ghau“, was so viel heißt wie rufen, anrufen. Gott wäre demnach das von Menschen angerufene Wesen. Man könnte noch grundsätzlicher sagen, Gott ist das, wonach der Mensch im Grunde seines Herzens ruft, also derjenige, wonach jeder Mensch im Innersten verlangt.

Nun ist eine solche sprachwissenschaftliche Annäherung an eine Begriffs- und damit immer auch Wirkungsgeschichte eines Wortes wie Gott noch kein Evangelium. Und auch kein Anlass zu religionspädagogischer oder pastoraler Euphorie. Gesetzt den Fall, mit einer solchen Worterklärung wollte man arbeiten, dann stellt sich doch gleich die Frage, warum das Wort Gott heute nur noch Wenigen — und immer Weniger-Werdenden — tatsächlich noch über die Lippen kommt. Andererseits: Religionswissenschaftler und Soziologen registrieren eine anhaltende Sensibilität für Religion und Spiritualität; Seminare, in denen es um Mystik und Gotteserfahrungen geht, haben den größten Zulauf in Klöstern und Bildungshäusern.

So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. (Gen 2, 7)

Vielleicht gibt es eine ganz einfache theologische oder — besser, biblische Erklärung. Mir ist sie eingefallen, als ich letztens nochmals eine der beiden Schöpfungsgeschichten aus dem Buch Genesis gehört habe. In der älteren der beiden in Genesis 2 heißt es, wo es um die Erschaffung des Menschen geht: „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen“ (V. 7).

Ich höre diese Stelle mit den Ohren eines Medienmenschen und sehe in ihr die Geburtsstunde der Kommunikation. Als Gott den Menschen formte, ihm seine äußere Gestalt gab aus der Erde vom Ackerboden, da formte er auch sein Inneres, indem er ihm den Lebensatem einblies, ihn sozusagen informierte, lebendig machte.

In jedem Menschen, der lebt, ein Hauch von Gott.

Das ist die erste Information, die ein Mensch erhält: Du bist ein Teil von mir. Du nimmst an meinem Leben teil. Du selbst bist meine Mitteilung. Noch vor dem ersten Lächeln der Mutter, noch vor der ersten Umarmung durch den Vater. Vor deinem ersten Anruf bist du schon von mir angerufen. Vor allen Anrufen und Mails dieser Welt bist du schon im Grunde deines Herzens durch mich informiert.

Also gar nicht so abwegig, dass schon die Germanen aus dem Wort Gott ein Rufen und Anrufen herausgehört haben sollen. Durch Gottes In-Formation sind wir ins Dasein gerufen. Und selbst ein Hauch der Liebe Gottes geworden.

Bildnachweis:  Juliane Werner (Foto)  |  Daniel Wiesmann (Grafik)

Dieser Text ist die überarbeitete Fassung eines Beitrags in der Reihe „Zuspruch am Morgen“ (hr1/hr2) vom 20. Juni 2002; eingereicht zum Predigtpreis 2004: http://predigtpreis.de/predigtdatenbank/predigt/article/andacht-zu-1-mose-27.html

© 2018 Ludger Verst

Kein Artenschutz für Gottes Wort

Wie Predigt und Katechese gelingen können

Vortrag am „Theologischen Tag“ im Institut für Pastorale Fortbildung (IPF) der Diözese Linz am 13. April 2018

| Von Ludger Verst |

An den Anfang meines Vortrags möchte ich ein Gedicht vom Anfang stellen und mit einem Gedanken beginnen, der die Faszination und zugleich die Zumutung von Anfängen anschaulich macht:

1 Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. 2 Dieses war im Anfang bei Gott. 3 Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. 4 In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. (…) 9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 10 Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. (…)

Was der Johannes-Prolog auf poetisch einzigartige Weise präsentiert (Hervorh. von mir), deutet auf einen Anfang hin, mit dem man im ausgehenden ersten Jahrhundert, zur Entstehungszeit dieses Evangeliums, offensichtlich bereits Erfahrungen gemacht hat. Im Anfang (in principio) ist GOTT: ein grundsätzlicher, in allem mitlaufender Anfang, der alles Lebendige hervorbringt, aber in der Welt auch auf Unverstand und Widerstand stößt. Schon die frühe Kirche kennt diesen Widerstreit von Faszination und Zumutung.

„Kirche“ ist zunächst ein Ehrentitel, schon für Israel: das hebräische „qāhāl“, die Versammlung im Namen Jahwes. Dann griechisch ἐκκλησία von „ek-kálein“ — herausrufen: Menschen, die sich herausrufen lassen, die aus ihrer Anonymität heraus in ein neues Verhältnis treten: berufen im Namen einer Liebe, die ihnen erschienen ist in der Gestalt Jesu, dem Mensch gewordenen Wort: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (V. 14). Dieses neue Sich-In-Beziehung-Setzen bildet den Anfang des Christlichen.

Im ersten Jahrhundert ist Kirche ein Phänomen, das mehr oder minder aus dem jüdischen Monotheismus heraus entsteht. In den Abendmahlssälen sind lauter ungetaufte gläubige Juden, die sich zu Jesus als dem Messias bekennen. So langsam — ab dem Jahr 50 — beginnt die Kommunikation in den griechisch-römischen Raum hinein. Der Apostel Paulus und andere werden mit einem für sie neuen Denkrahmen konfrontiert, mit einer herausfordernd neuen Logik. Prägend bleiben im ersten Jahrhundert die jüdischen Wurzeln. Gegen Ende der apostolischen Zeit beginnt der Umschwung in die zweite große Epoche der Kirchengeschichte. Die Kultur, in die „das Wort“ hineingesprochen wird — Kirchenväter, Konzilien, Glaubensbekenntnisse — beschreibt eine weithin griechische Welt. Und eine römische.

Kennzeichen eines jeden Neuanfangs oder fundamentalen Umbruchs ist der je ungewisse Ausgang: zu Beginn eine große Freiheit der Entscheidungen mit Konsequenzen, die erst viel später sichtbar werden. Deshalb sind Anfänge und Umbrüche so schwer steuerbar. Die anfängliche Freiheit geht einher mit wenig kalkulierbaren Ergebnissen. Anfangsfehler sind bei Entwicklungen immer die folgenreichsten.

Der verlorene Ursprung

Der Jude Jesus, der in jüdischer Weise glaubt, der in seiner alltäglichen Welt vom nahegekommenen Gottesreich spricht und im Vertrauen auf diesen Gott, den er seinen himmlischen Vater nennt, lebt; dieser Jesus hat mit seiner Botschaft in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod nur in der palästinischen Welt überlebt. Vor allem die Spruchquelle Q führt diese Verkündigung Jesu fort. Sie kennt weder Wundererzählungen noch Passionsgeschichte und Osterbotschaft. Sie zeugt davon, dass die Jesusbewegungen in Palästina ohne eigene Gemeindegründungen bleiben und das fortsetzen, was der Wanderlehrer Jesus seinerseits getan und seine Schülerinnen und Schüler zu tun gelehrt hat.

Ganz anders die Entwicklung in den hellenistischen Städten. Hier finden im Milieu des Diasporajudentums und des damit sympathisierenden Heidentums von Anfang an Gemeindegründungen statt. Aus ihnen geht ein Christuskult hervor, dessen zentrale Botschaft nicht mehr die Reich-Gottes-Programmatik Jesu ist, sondern die Deutung des Todes Jesu und die Verkündigung seiner Auferstehung. Das zentrale Programm Jesu, nämlich wie in dieser Welt mitmenschlich gelebt werden kann, wenn dieses Leben ganz von Gott her verstanden wird, tritt hinter die Deutung seiner Person zurück.

Jesus verkündete keine Lehre, die zu glauben sei, sondern praktizierte eine Existenzform, die gelebt werden will.

Im hellenistischen Milieu hingegen entwickelte sich die metaphysische Vorstellung von einem prä-existenten Gottessohn, den Gott gesandt habe, um die Menschheit durch seinen Tod am Kreuz wieder mit sich zu versöhnen. Die Lehrtradition der Kirche kanonisierte schließlich einen Christus, der den historischen Jesus — strenggenommen — kaum mehr zu Wort kommen lässt. Damit wurde und wird vieles ausgeblendet, was dem Evangelium Jesu auch heute noch gesellschaftliche Beachtung und Zustimmung geben könnte. Gerade kirchlicher Kommunikation fehlt es auffällig an Unmittelbarkeit und Frische.

Kirche ist bis in unsere Gegenwart hinein ein mehr oder weniger griechisch-römisch geprägtes Phänomen. Noch die Mission des 19. Jahrhunderts im Gefolge des Kolonialismus hat das Evangelium in dieser Form verkündigt — weniger orientalisch, geschweige denn afrikanisch oder indisch oder sonstwie. Jetzt, am Ende der Moderne, an der Schwelle zu einer neuen Epoche, gibt es — wie immer in Übergangszeiten — wieder die Faszination von Freiheit und die Konfrontation mit Unabsehbarem; kurz: Es gibt eine handfeste Krise. Die Tradition soll linear verlängert werden und nicht kreativ. Das kann nicht gutgehen.

Hubertus Halbfas vermutet hinter der Krise der Kirche und ihrer Verkündigung eine religiöse und kulturelle Erschöpfung größeren Ausmaßes: „Es sieht so aus”, sagt er, „als sei die Zeit der griechisch inkulturierten Kirche abgelaufen. (…) Gerade die mit griechischen Denk- und Vorstellungsmitteln geschaffene Glaubenswelt erfährt jenen Sprach- und Verständigungszerfall, der die kirchliche Rede ins Leere gehen lässt. Inzwischen befinden sich alle grundlegenden und zentralen Begriffe des christlichen Glaubens außerhalb des regulären Verständigungsrahmens unserer Zeit. Das Apostolische Glaubensbekenntnis bildet Satz für Satz, Begriff für Begriff für jeden Zeitgenossen eine Sondersprache. Was die mit spätantiken griechischen Denkmitteln erarbeiteten christologischen Titel oder begriffliche Unterscheidungen wie Wesen, Natur und Person einmal meinten, oder was begriffliche Kennmarken wie „Opfer“, „Erlösung“, „Auferstehung“, „Himmelfahrt“, „Jüngster Tag“ besagen, ist im traditionellen Vokabular nicht mehr zu vermitteln. Das Verfallsdatum solcher Glaubensbegriffe ist längst überschritten.“¹

Kirchliche Verkündigung jenseits ihres Verfallsdatums

Es wundert darum nicht, dass die Fragen und Zweifel, die sich heute melden, innerhalb kirchlicher Lebensordnungen, innerhalb von Religionsunterricht und Katechese so gut wie keinen Resonanzraum mehr haben. Sie finden selbst innerhalb der Kirchenöffentlichkeit keine mehr wirklich offene, allenfalls eine apologetische Bearbeitung. „Dieses fundamentale Relevanzproblem der Kirchen, ihre Unfähigkeit, das Evangelium so zu kommunizieren, dass seine lebensnotwendige Bedeutung verstehbar und erfahrbar wird, lässt sich nicht allein sprachlich und mit Kommunikationsoptimierung lösen“ (Arnd Bünker; Markierung v. mir). Ebenso scheint es verfehlt, allein die Predigerinnen und Prediger, Katechetinnen und Katecheten an den Pranger zu stellen, weil sie meist selbst eingewoben sind in eine kirchliche Kommunikationstradition, zu der sie auch weiterhin gern gehören wollen.

Wir stellen also fest: Zur Tragik des verlorenen Anfangs, des Verlusts des Ursprungs, der heute unübersehbar geworden ist, gehört die Entleerung der religiösen Sprache, die in jedem Gottesdienst und in jedem christlichen Traktat erfahren wird. So erleben auch Sie in ihren Gemeinden, dass Ihr Bemühen nicht selten am sprachlichen Instrumentarium scheitert, obwohl Sie selbst bestens ausgebildet und vorbereitet sind.

Dies dürfte nun mehr oder weniger die Problemanzeige sein und damit auch der Grund, der uns hier zusammenführt. Sie wollen sich ebensowenig wie ich mit diesem Sprach- und Vermittlungsproblem einfach so zufrieden geben.

Drei Anregungen zur Reflexion, später dann auch für Ihre Praxis, möchte ich geben:

FORTSETZUNG: Drei Anregungen und Empfehlungen

Anmerkung: ¹ Hubertus Halbfas: https://www.wir-sind-kirche.de/files/1441_Hubertus_Halbfas_-_Traditionsbruch.pdf, 12.04.2018.

Über die unvorstellbare Kraft der Tiefe

| Von Ludger Verst |

Von einem Gott zu sprechen, der unsichtbar ist, und von einem Gottessohn, der von den Toten auferstanden ist …;  naja, das fällt nicht nur den religiös Unmusikalischen unter den Zeitgenossen schwer. Viele sagen da: Über das, was man nicht wirklich wissen kann, sollte man besser schweigen.

Nun gut: Begriffe wie „Gott“, „Himmel“, „Auferstehung“ lassen sich entweder in lebendige, besser noch: erlebte Geschichten übersetzen oder sie taugen tatsächlich nicht.

Auferstehung kann ich nur verstehen, wenn ich schon hier und jetzt Auferstehungserfahrungen machen kann.

Ein Beispiel: Wer sich in die vulkanische Welt Islands begibt, sieht am Horizont nicht selten heißen Dampf aufsteigen. Touristen scharen sich dann gern rund um einen Erdkreis, der etwa so groß ist wie eine kleine Kapelle. In der Mitte ist ein Loch und da blubbert es ein bisschen. Im Grunde sieht man nichts. Es ist nichts los am Pool dieses geheinmisvollen Geysirs. Die, die bleiben, denen ist es manchmal langweilig wie bei einem Gottesdienst. Es ist nichts mit dem Erlebnis in diesem Kreis. Man könnte sagen: Die eigene innere Leere wird projiziert und an diesem Ort erlebt. Nur wenige halten durch. Worum es eigentlich geht, das ist verborgen. Tief unten im Gebirg auf der heißen Lava ist ein verborgenes Geäst, da ist das Wasser an der heißen Lava. Man weiß ja um die Wirklichkeit des verborgenen Ursprungs, aber das erwartete Erlebnis bleibt aus. Im Verborgenen ist irgendwo etwas. Wie reagiert man darauf? Man geht woandershin. Wer aber ausharrt und dort im Kreis steht, vielleicht nur noch allein — und in der Mitte ist nichts — der hört auf einmal:

WUMMM!!!

Plötzlich in einem Satz, 40 oder 50 Meter hoch springt der Geysir. „Boah!!!“ — Der verborgene Ursprung zeigt sich in Gestalt einer heißen Springquelle. Spontan, ursprünglich findet der Mensch seinen Ort — und ist begeistert. Im selben Augenblick räsoniert er nicht mehr, wer er ist und wie es ihm geht und warum nicht nichts ist, sondern er ist ek-statisch, ganz hineingenommen in das Phänomen. Er ist außer sich und gerade im selben Augenblick identisch mit sich. Der Mensch macht auf der naturalen, unmittelbaren Ebene die Erfahrung des Begeisternden, des Ursprünglichen.

Plötzlich, aus dem Schweigen, aus der Tiefe, dem Aushalten der Stille bricht eine unvorstellbare Kraft hervor.

Ist nicht auch das Leben selbst angesichts von Leiden, Sterben und Tod ein Ort solchen Aushaltens von Leere, von eigener oder fremder Leere und Sprachlosigkeit? Ein Ort des Nicht-Verstehens und der Irritation? Um auf überraschende Weise zu einem Ort des Staunens und der Findung, vielleicht gar der Selbstfindung in der Spur des Göttlichen zu werden?

Was mich an Geysiren fasziniert, ist, wie aus einem Allerweltsort ein heiliger Ort werden kann, und hier, indem ich es erzähle, aus einem Allerweltstext so etwas wie ein Glaubensgespräch. Wie nah das Wasser des Geysirs und das „Wasser des Lebens“ beieinander liegen. Welt und Evangelium. Die Geysir-Geschichte spiegelt mir: Die Wahrheit meines Lebens findet sich nicht an der Oberfläche. Was wir sehen, wenn wir aufschauen und herumschauen, sind oft nur Formate, Schablonen, in die wir uns gegenseitig gern hineinstecken. Gut gestylte Benutzeroberflächen, aber bestimmt nicht die Wahrheit.

Gott ist an der Wahrheit eines Menschen interessiert. Am Dahinter und Darunter.

Im Johannes-Evangelium (Joh 4, 5-42) trifft Jesus eine Samariterin am Jakobsbrunnen. Auch so ein Ort, an dem es um die Tiefe einer Begegnung geht. Jesus sagt: „… Wer (aber) von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“

Jesus sieht in der Frau nicht die Samariterin, die Sünderin, mit der er als Jude gar nicht verkehren dürfte, sondern einen Menschen auf dem Weg zu seiner Quelle. Dorthin, wo es im Leben brodelt und kocht und wo der Ursprung liegt von allem, was ist.

Die Samariterin am Jakobsbrunnen sucht Wasser und weil sie tief schürft, trifft sie nicht nur auf Wasser, sondern auf sich selbst.

In der Begegnung mit dem Unbekannten, mit Jesus, kann sie sich selbst und die Kostbarkeit ihres Lebens erkennen – „im Geist und in der Wahrheit“, wie es Joh 4, 23 nennt.

Das Johannes-Evangelium legt großen Wert darauf, dass wir an die Auferstehung nicht glauben wie an ein fernes, fremdes Geschehen am Ende der Tage. Es hätte sich niemals ein Ostermorgen ereignen können und wir hätten ihn, selbst wenn er sich ereignet hätte, nie bemerken können, vermöchten wir nicht mitten in diesem Leben Gott so zu erfahren, dass wir begreifen, was Leben ist — jenseits der Oberflächlichkeit, jenseits der Endlichkeit und Enge dieser Welt. Und dies ist unser ganzes Leben: zu glauben und zu wissen, dass es zwischen Erde und Himmel, zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen Menschlichkeit und Göttlichkeit keine Grenzen gibt, dass nur ein einziges Reich der Liebe und des Lebens ist, zu dem jede(r) berufen ist.

Dieser hier leicht gekürzte Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Andere Zeiten. Das Magazin zum Kirchenjahr 1/2018, S. 22 f.  —  www.anderezeiten.de  —  Verlag und Bildagentur danke ich für die überaus gelungene Auswahl des Bildmotivs.

© 2018 Ludger Verst

Der Glaube, der lebendig macht

Von Ludger Verst

[…] Die Leseordnung für den heutigen Sonntag fügt die biblischen Texte unter dem Leitgedanken des Markus-Evangeliums (Mk 1, 29-39) geschickt zu einer Einheit zusammen. Die erste Lesung aus dem Buch Hiob (Hi 7, 1-4.6-7) zeigt uns den Menschen mit seiner Klage. Hiob verkörpert den Menschen schlechthin. Er nimmt sein Leben nurmehr als Last und Bürde wahr. Er fühlt sich wie ein geschundener Knecht, ein misshandelter Sklave. Im Höchstfall gesteht er sich zu, ein Tagelöhner zu sein, der aber ebenso vergeblich auf Besserung hofft. — Wofür? Wozu das Ganze? — Es gibt in seinem Leben keine Freude, keine Sonne, kein erlösendes Aufatmen.

Dann — als Gegenüber dazu — der Text aus dem 1. Korintherbrief (1 Kor 9, 16-19.22-23). Eine mit großer Dynamik vorgetragene Gegenrede. Der Apostel Paulus spürt die innere Verpflichtung, ja geradezu den Zwang, der auf ihm liegt, die rettende Botschaft Jesu zu verkünden. „Lieber wollte ich sterben, als dass mir jemand diesen Ruhm entreißt … Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (V. 15f). Und Paulus verrät uns, wie er das anstellt. Genau hier zeigt sich die Verbindung zu Hiob: „Da ich (also) von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen“ (V. 19). Den Juden wird er ein Jude, den Gesetzlosen ein Gesetzloser und den Schwachen ein Schwacher. „Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten“ (V. 22).

Bei beiden — bei Hiob und bei Paulus — geht es um eine innere Not, eine unerträgliche Bedrängnis, ja, um Leben und Tod. Bei Hiob ist es der Schrei nach Rettung aus ihn bedrängender, geradezu vernichtender Not, bei Paulus der unbedingte Wille, mit dem Evangelium diese Rettung zu bringen. Deshalb muss Paulus allen alles werden, damit kraft des Evangeliums Jesu am Ende kein Hiob, kein Einziger mehr zu Grunde geht und niemand unter seiner Bürde mehr zerbricht, sondern in Würde ein menschliches Leben lebt.

So führen uns also Hiob und Paulus auf je eigene Weise zu Jesus. In der Zusammenschau der beiden Lesungstexte wird nun auch das Anliegen des heutigen Evangeliums sichtbar:

Es ist der Glaube, der lebendig macht.

Das Markus-Evangelium stellt uns einen Jesus vor, der heilend einlöst, wovon er spricht. Keinen Überflieger, der die Gegend um Kafarnaum wundersam in ein Paradies verwandeln will. In seiner engen Verbundenheit mit Gott schafft er Wege aus der Sinnlosigkeit von Leid und zeigt, wie und aus welcher Kraft Menschen schöpfen können, um ihr Leben auf dieser Erde ertragbar und menschlich zu gestalten. Man kann beim Jammern und Klagen stehen bleiben. Man kann aber auch auf Jesus schauen. Das würde uns Kräfte verleihen, die uns davor bewahren, von den Belastungen des Alltags und des Lebens erdrückt zu werden. Mehr noch: Wir könnten dazu beitragen, auch die Not anderer lindern zu helfen.

Auszug aus meiner Predigt zum 5. Sonntag im Jahreskreis am 3./4. Februar 2018 in Sankt Laurentius, Dreieich

Vermächtnis eines Medientheologen

Liebe Freunde des ifp!

Nach 14 Jahren Ausbildungsverantwortung für die katholische Journalistenschule gäbe es einiges zu resümieren. (…)  Heute Abend ist mir nun ein Gedanke noch besonders wichtig. Ich möchte ihn formulieren als persönliches Schlusswort, als das journalistische Vermächtnis eines Medientheologen.

Die Absolventen der Theologenkurse werden sich erinnern: Zu Beginn eines jeden etwa 15-monatigen Kurses mit seinen vier je einwöchigen Schwerpunkten Presse, Hörfunk, Fernsehen und Öffentlichkeitsarbeit gab es für die Neulinge ein Ritual. Im Grunde immer denselben Initiationsritus:

„Wenn ihr diesen Kurs professionell durchlaufen und am Ende erfolgreich abschließen wollt, dann solltet ihr gleich morgen mit der ersten Arbeitseinheit euren Theologen-Schreibtisch verlassen und hinüberwechseln an den einer Redakteurin oder Redakteurs. Ab morgen wird nicht mehr gepredigt und auch nicht mehr mit der Brille von Bibelwissenschaftlern oder Katecheten geschrieben, gesprochen oder inszeniert.

Das war für die meisten ungewohnt, vielleicht auch eine Zumutung. Aber dieser Perspektivwechsel galt vom ersten bis ins letzte Modul. Und zwischen den Arbeitseinheiten im ifp solltet ihr zu Hause das Handwerkszeug mit neuem journalistischen Blick direkt anwenden.

Die meisten haben sich darauf eingelassen. Religionsinteressierte Mediennutzer wollen nämlich wissen, was es mit Gott und der Welt und dem Sinn ihres Lebens auf sich hat: anschaulich, kompetent und möglichst auf den Punkt gebracht. Sie suchen sich dazu entsprechende Anbieter. Da ist die Medienarbeit der Kirche kein publizistischer Sonderfall und ein „geistliches Wort“ kein eigenes Genre, das Theologen irgendwann erfunden haben und daher unter Artenschutz stellen könnten. Themen werden an gängigen Nachrichtenfaktoren gemessen. Die kennt jeder in jeder Redaktion, warum also nicht auch ein Theologe: Aktualität und Nähe, Originalität, Konflikt, Liebe, um die wichtigsten zu nennen. An solchen Koordinaten ist grundsätzlich jede Nachricht, auch die christliche, aus- und aufzurichten. Häufig aber sind kirchliche Beiträge nur kirchenaktuell und auch sonst ohne erkennbaren gesellschaftlich relevanten Bezug. Dann fallen sie beim Publikum durch. Sie erzählen keine für die Öffentlichkeit bedeutsame Geschichte. „Gott“ an und für sich ist nämlich noch kein Thema. Er wird es erst, wenn er in eine relevante Geschichte verwickelt wird. Dass dies geschieht – und eben noch professioneller wird – , dafür sind kirchliche Medien-Seelsorger selbst verantwortlich. Und dafür gibt es die Theologenkurse.

Das Märchen vom Hasen und dem Igel – gegen den Strich gelesen

Ich möchte den tieferen Grund nennen, warum Theologinnen und Theologen in der Medienarbeit unbedingt eine journalistische Zusatzqualifikation brauchen. Und dazu greife ich ausgerechnet nicht-journalistisch auf ein Märchen zurück, das die meisten von euch kennen dürften: das Märchen vom Hasen und dem Igel. Ich meine die Geschichte von jenem krummbeinigen, aber pfiffigen „Swinigel“, der am Sonntagmorgen auf dem Felde spazieren geht und dem Hasen (der ihn wieder mal wegen seiner schiefen Beine gefoppt hatte) überraschend einen Wettlauf in den Ackerfurchen vorschlägt. Wie die Geschichte weitergeht, ist klar: Der Igel geht vorher noch mal kurz nach Hause (zum Frühstücken, wie er sagt), um seine Igelfrau zu holen, die bekanntlich genau so aussieht wie ihr Mann, um sie am oberen, entfernteren Ende der Ackerfurche zu postieren, während er sich am unteren Ende neben dem Hasen zum Lauf aufstellt. Wie man weiß, fällt der Hase auf den Igeltrick herein: Er läuft und läuft in seiner Furche; der Igel ist, hier wie dort, immer schon da. Und schließlich – beim siebenundsiebzigsten Lauf – rennt und stürzt sich der Hase auf dem Ackerfeld zu Tode.

Mein früherer Münsteraner Theologie-Professor Johann Baptist Metz, dem ich für Beruf und Leben viel verdanke, hat dieses Märchen gegen den Strich gebürstet, um uns Studierenden ein ganz bestimmtes Anliegen seiner Rede von Gott deutlich zu machen. Metz hat nämlich die Logik dieses Märchens, das ja Sympathie zeigt für die Kleinen, die Langsamen und Zu-Kurz-Gekommenen, für den Igel eben, kurzfristig außer Kraft gesetzt und sich erlaubt, für den Hasen Partei zu ergreifen. Warum? –

Weil die Theologie – und in praktischer Konsequenz natürlich die Kirche und ihre Publizistik – nicht selbst mit einem solchen Igel-Trick arbeiten dürfen. Wer von Gott redet, kann sich das Laufen, die Hasen-Rolle, nicht ersparen. Welche Erfahrungen vom Leben, welche Erfahrungen mit Gott hätte der sonst vorzuweisen? Worüber sollte der reden? Gott ist ja kein ausgeklügelter Trick der Philosophen, den die Theologen nur geschickt verkaufen müssen. So wie der Igel dem Hasen verkauft, er würde laufen und zudem auch noch der Schnellere sein. Auch unsere Kirche erweckt oft den Eindruck, sie sei hier wie dort immer schon da mit ihren Antworten, manchmal bevor die Fragen überhaupt gestellt sind. Sie postiert sich gern – in trickreicher Verdopplung – an beiden Enden der Weltgeschichte und ist mit ihren „ewigen Wahrheiten“ über Gott und die Welt uneinholbar immer schon da. Das ist es, was die Leute spüren und womit sie nichts anfangen können.

Die Kirche verfügt über gar kein Wissen, das sie ohne den Preis von Erfahrungen gefahrlos und leidenschaftslos mitteilen könnte.

Christlich zu leben ist ja kein Leben zum Nulltarif. Folglich können Christen sich das Laufen mit all seinen Höhen und Tiefen gerade nicht ersparen. Schon deshalb nicht, weil Jesus selbst losgelaufen, sich aufgerieben und auf Golgotha auf der Strecke geblieben ist.

Was ich an dieser Lesart der Geschichte für uns aufzeigen möchte: Wer hier als Stipendiat, als Volontär, als Theologe, aus- und fortgebildet wird, muss laufen und darf nicht sitzen, mit seiner Weisheit nicht immer schon da sein. Journalistisches Denken und Arbeiten heißt – insbesondere für Theologen: laufen wie Jesus, loslaufen wie er, sich unter die Leute mischen, ihre Sprache sprechen, ihren Liedern lauschen, ihre Sorgen teilen. Theologen müssen nach den göttlichen Spuren in den Geschichten der Menschen suchen, nach seiner Präsenz in den Dörfern und Städten, in den Glücks- und Unglückserlebnissen der Zeitgenossen und sie mit ihnen teilen – journalistisch gesprochen: mit-teilen, kommunizieren, senden. Loslaufen heißt nicht, sich totzulaufen wie der Hase. Es heißt nicht, allen alles zu bringen, allen Milieus gleichermaßen ein geistliches Zuhause bieten zu wollen. Das würde jeden überfordern und tatsächlich zur Strecke bringen.

Das Kommunikationsprofil kirchlicher Botschaften wird auf den Prüfstand müssen mit dem Ziel, christliche Religion und Spiritualität mitzuteilen in jeweils passendem Medienformat. Das geht. Das haben die zurückliegenden 14 Jahre gezeigt. Dazu braucht es keine Igeltricks, keine ängstliche Selbstdarstellung und PR. Und keiner muss gleich überall Erster sein. Es braucht vor allem eines: die Bereitschaft, den Standort, die Perspektive zu wechseln. Und journalistisches Handwerkszeug – beides.

Liebe Freunde, beides kann man in hervorragender Weise lernen bei uns im ifp.

© Ludger Verst (2013)

Rede zur Verabschiedung aus der katholischen Journalistenschule IFP in Freiburg/Br. am 23. November 2013

„Hier stehe ich! …“

Standpunkte, die bewegen

Von Ludger Verst

Festvortrag bei der Preisverleihung zum Reformationsjahr 2017 am 11.11. 2017 in Wiesbaden

Lieber Herr Weihbischof, lieber Herr Stadtdekan,
liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

so ziemlich am Ende eines hochdekorierten Jubiläumsjahres zur Reformation noch etwas Nicht-Gesagtes und Wichtiges beizutragen, empfinde ich als eine echte Zumutung. Zumal in einem so hochsensiblen wie diffusen, thematisch unübersichtlichen Gelände wie dem von Kirche, Kunst und Kultur. Da reden gerne viele mit. Und nicht selten hat es den Anschein, als ob sich der eine des anderen gern bemächtige: Kunst steht der Kirche im Allgemeinen gut — und auch umgekehrt: Ein Gottesdienst im Museum ist ein reizvolles Angebot.

Um solche Funktionalisierungen, Fremdbestimmungen oder andere Übergriffigkeiten wird es heute Abend nicht gehen. Schon deshalb nicht, weil es dem Anliegen und auch dem Anspruch des Wiesbadener Projektes zu aktueller Kunst und Literatur diametral entgegenstünde. Das zeigen die bildkünstlerischen und schriftstellerischen Ergebnisse dieses Projekts, von denen ich einige bereits sehen und lesen konnte, die zu würdigen und im wörtlichen Sinne zu „preisen“ gleich jedoch anderen zukommen wird.

Die tatsächliche Zumutung, die ich heute Abend hier empfinde und — Sie werden sehen — auch Ihnen zumuten werde, ist eine andere. Sie erwächst aus dem thematischen Profil dieses Projekts, nämlich sich als „Positionierung zur Transzendenz“ und als „Worte aus der Zumutung Gottes“ zu verstehen. Oder wie die Veranstalter es im Katalog zum Kunstprojekt formulieren: „Das Jahr 2017 sollte uns Grund geben, über Kirche als Resonanzraum für viele Glaubensstimmen nachzudenken.“¹

Wie entsteht Resonanz? Wie kann ich überzeugend einen Standpunkt vertreten, der mit Standpunkten anderer in Berührung kommt? Wie mich in meinem Leben positionieren (ich muss es ja als leibliches Wesen) und dadurch auch andere berühren? Ist solcherart Resonanz angesichts der Heterogenität von Gruppen und Verbänden und erst recht von Großinstitutionen nicht naiv, ein frommer Wunsch?

„Wer eine Sicht des Lebens zeigen will, muss Gesicht zeigen.“

Meine Überzeugung ist: Standpunkte brauchen Inhalte, Gefühle, Gesten, die gezeigt und erwidert werden. Insofern sind sie nie nur Austausch von Informationen, sondern Kommunikation. Ich zeige jemandem etwas, wovon ich überzeugt bin, und ich kann das nur tun, indem ich im Zeigen einer Anschauung mich selbst zeige. Das gilt erst recht bei Dingen, die das Leben als Ganzes betreffen: „Wer eine Sicht des Lebens zeigen will, muss Gesicht zeigen (M. Meyer-Blanck).“ Wer kommuniziert, gehört mit in den Vermittlungsprozess und ist nicht nur geschickter Arrangeur oder neutraler Informationslieferant, nicht nur Elementarisierer, Moderator oder Fachmann, sondern über dies hinaus auch selbst religiöses Zeichen, ohne das es gar keine Botschaft geben könnte. Was eine Information in den Rang einer Botschaft hebt und ihr somit Resonanz verschafft, ist ihre Inhalts- und Begegnungsqualität: Ein bewegender Eindruck sucht seinen entsprechenden Ausdruck. Ich zeige dir etwas; du musst es nicht toll finden. Aber ich zeige dir etwas, wozu ich selbst eine lebendige Beziehung habe. Botschaften werden vom Empfänger in ihrer je eigenen Relevanz (+) oder Nicht-Relevanz (-) erspürt, angenommen oder abgelehnt. Der Sinn einer Botschaft liegt nicht in oder hinter den Worten eines Textes; er vollzieht sich im Empfänger. Dort geschieht das Entscheidende. Sinn ist nicht etwas, was hinter oder tief in den Sätzen einer Sprache steckt, sondern etwas, das sich ereignet, wenn unterschiedliche Erfahrungen aufeinanderstoßen, Fernliegendes nahekommt, Texte in Kontexte geraten und so neu Bedeutung erlangen. Christlich gesprochen: Meine Sicht auf das Leben Jesu ist der Versuch einer Neuinszenierung jesuanischer Wirklichkeit in meiner Welt.

Bedeutsamkeit ist eine Frage inneren Beteiligtseins.

Das heißt: Bedeutsamkeit ist vor allem eine Frage inneren Beteiligtseins. Die Perspektive der Theologie aber ist oft eine andere. Sie geht zu sehr von einer an und für sich feststehenden Position außerhalb der Kommunikationsprozesse und Kommunikationsweisen der Menschen aus. Es sind aber nicht die Sachverhalte, sondern die Akteure und ihre Geschichten, die den Motivationsrahmen liefern für die Frage nach Gott, für die Sehnsucht nach Rettung, Solidarität und Glück. Dies ist die Stärke von Kunst: Bilder sprechen zu lassen und nicht Experten, die es wissen oder besser wissen.

Am Beginn jeder Erkenntnis steht eine sinnliche Erfahrung, um welche künstlerische Form es sich auch immer handelt. Dann aber — und hier liegt das Problem — transformiert und abstrahiert sich die Erfahrung; komplexere Formen der Reflexivität entstehen und die Sinnlichkeit verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Das Thema dieses Verlustes, den Reflexivität notwendig mit sich bringt, hat als erster der Philosoph Alexander Gottlieb Baumgarten (schon 1750), später dann auch Arthur Schopenhauer aufgegriffen. Es ist die Klage um das Verlorene, was sich häufig als das verlorene Sinnliche erkennen lässt. In der Kunst und auch schon in der Mythologie ist sie ein Thema. Der Orpheus-Mythos zum Beispiel spiegelt diese Tragik des Verlustes, die in der Philosophie und erst recht in der Theologie so gut wie keine Resonanz findet.

Baumgarten besteht auf dem Eigenwert sinnlicher Erkenntnis. Dem Gewinn begrifflicher Abstraktion entspricht ein Verlust des Sinnlich-Konkreten, der sich durch die Abstraktion als solche ereignet. Natürlich ist sinnlich Wahrgenommenes, also etwas als groß oder klein, stark oder schwach oder einfach als schön wahrzunehmen, noch kein Garant für den Wahrheitsgehalt einer Erkenntnis. Aber sinnliche Erkenntnis ist — so Baumgarten — nicht per se „die Mutter des Irrtums“. Es geht ihm um das Innere einer Wahrheit, die „wahrste Empfindung“, wie er es nennt. Er meint damit keine Wahrheit im Sinne einer abstrakten, aussagenlogisch verallgemeinerbaren Erkenntnis. Der Stuhl, den ich sehe, ist nicht dadurch unbezweifelbarer vorhanden, dass ich seine Wahrnehmung in den Superlativ setze. Es muss also eine andere Ebene gemeint sein. Baumgarten fragt nach der Form der Verbundenheit von Subjekt und Wahrgenommenem, nach der Intensität von Wahrnehmung. Es geht ihm um die Beziehung der Wahrnehmung zum Subjekt, um die Intensität dieser Beziehung. Hier, auf der Beziehungsebene von Kommunikation, verzeichnen die Kirchen hohe Verluste. Nicht, weil die Kommunikation des Evangeliums heute weniger relevant oder die Kundschaft um einiges komplizierter geworden wäre. Es fehlt an Intensität. Darum sind viele der kirchlichen Sprechversuche in den Kommunikationen des Alltags heute stumpf und irrelevant. Sie betreffen nicht. Sie berühren nicht.

Ich möchte Ihnen sagen, warum. Die kirchliche Sprache ist keine Beziehungssprache. Begriffe wie „Opfer“, „Erlösung“, „Auferstehung“, „Himmelfahrt“, „Jüngster Tag“, die als Denkmittel in der Logik der Spätantike lange funktioniert haben, sind heute keine überzeugenden Kennmarken des Christlichen mehr. Sie sind nicht falsch. Sie haben Geschichte und haben Tradition. Aber das Verfallsdatum solcher Glaubensbegriffe ist längst überschritten. Es wundert darum nicht, dass die Fragen und Zweifel, die sich heute melden, innerhalb kirchlicher Lebensordnungen so gut wie keinen Resonanzraum mehr haben. Sie finden innerhalb wie außerhalb der Kirchenöffentlichkeit keine mehr wirklich offene, allenfalls eine apologetische Bearbeitung. Dieses fundamentale Relevanzproblem der Kirchen, ihre Unfähigkeit, so zu kommunizieren, dass Gesagtes verstehbar und erfahrbar wird, lässt sich allerdings nicht allein durch Kommunikationsoptimierung lösen.

Manchmal denke ich, dass es besser wäre, alles Systemhafte von Religion und Konfession, das heißt, deren dogmatische Antiquariate aus dem Verkehr zu ziehen und sich stattdessen darauf einzulassen, dass Religion schlicht mit Beziehung, mit Intensität zu tun hat, einer Haltung, in der wir auf die Kraft vertrauen, die uns unverfügbar wie überraschend zukommt und uns gerade in Gesten menschlicher Achtsamkeit und Zuneigung geschenkt wird.

Kunst als „fühlende Anerkennung des existenziellen Augenblicks“

Können Kunstprojekte hier weiterhelfen? Die Organisatorinnen dieses Kunstprojekts haben zu Beginn mit den Ausschreibungen an mögliche Bewerberinnen und Bewerber — so nehme ich mal an — keine Kartoffelgrafiken mit den so genannten Sinus-Milieus verschickt, um am Ende die passenden Kunstwerke für die passenden Kirchen im Wiesbadener Stadtgebiet zu finden. Soziografie mag ihre Bedeutung haben auch für die Pastoral, aber die Kunst dieses Projektes besteht ja gerade nicht in Passgenauigkeit, sondern in einer Intensivierung von Wahrnehmung. Die bildnerischen und auf andere Weise natürlich auch die poetischen Werke präsentieren Wahrheit als Wahrnehmung, also nicht statisch, feststellbar, verallgemeinerbar, sondern fühlend, bewegend, existenziell. Künstlerische Werke ermöglichen, so formuliert es Sebastian Leikert, eine „Wahr-Nehmung im Sinne einer fühlenden Anerkennung des existenziellen Augenblicks“².

Besonders anschaulich wurde mir, was mit Wahr-Nehmung in diesem Sinne gemeint sein mag, in der Beschreibung des Werkes von Birgit Weber mit dem Titel „Im Flow“. Die Künstlerin, die an diesem Kunstprojekt teilgenommen hat, lässt den Betrachter auf fünf großen Zeichnungen an ihrem Flow-Erlebnis beim Zeichnen teilhaben. Ich möchte dazu eine Stelle aus dem Katalogtext von Susanne Claußen zitieren, den sie interessanterweise mit „Paradieszeichnungen“ überschrieben hat:

Flow nennt man das glückhafte Erleben einer restlosen Konzentration auf eine Tätigkeit und das vollständige Aufgehen in ihr. Flow ist je nach Definition wie Trance oder ihr zumindest nahe. Flow ist etwas Wunderbares (…) Wo erst noch abgezeichnet wurde, wird das Arbeiten immer freier. Immer fester wird ihr Strich, immer sicherer. Doppelungen und Unschärfen sind dabei kein Ausdruck von Korrekturbedürfnis oder Unsicherheit. Im Gegenteil: Betonungen entstehen so, genaue Abbildungen dessen, was Weber gerade sieht und erlebt. „Richtig“ und „falsch“ als Kategorien, die es beim Abzeichnen, bei der Studie, ja durchaus noch gibt, fallen weg. Es bleibt das künstlerische Tun. Weber führt uns keinen Kontrollverlust vor. Flow ist eben nicht der Verlust von Kontrolle wie in einem Rausch, sondern eher ein In-eins-Gehen von Tun und Wollen. Im Flow ist man völlig eins mit sich. Einssein mit sich und dem, was man tut, das ist ein paradiesischer Zustand.“³

Die geschilderte künstlerische Erfahrung, die, für sich genommen, einzigartig ist, mag im übertragenen Sinn so etwas wie ein paradigmatischer Hintergrund für Gotteserfahrung sein. Theologie und Kirche könnten ihre Arbeit als eine Investition in Sinnlichkeit verstehen im Sinne einer am Blick Jesu geschulten Wahrnehmungskunst. Daraus könnten beide womöglich lernen. Der Gott Jesu Christi ist ja keine neutrale, statische Größe, über die sich umstandslos und gefahrlos reden ließe, sondern eine dramatische menschliche Erfahrung, die mich zum Erzählen drängt und die im Erzählen, in bestimmten Atmosphären, in bestimmten Gesten auch für andere spürbar werden kann. Wahrheit an sich gibt es nicht, wie es auch Gott an sich nicht gibt. Wir können die Wahrheit Gottes nicht durch begriffliche Objektivität absichern. Wir können auf das schauen, was in Erscheinung tritt durch Wahrnehmung. Die in diesem Wettbewerb ausgezeichneten literarischen Texte von Anke Dörsam („Kommen und Gehen“), Yannic Han Biao Federer („Nada“) und von Friedel Weise-Ney („Rattenfänger“) zeichnen sich durch genau diese poetische Wahrnehmungskunst aus. Wer die Dinge, wie sie sich zeigen, zur Quelle seiner Inspiration macht, identifiziert auch religiöse Rede nicht länger mit einem Handeln nach Regeln und dem Anwenden von lehrhaftem Wissen, sondern meint zunächst die ganz ursprüngliche Situiertheit des Menschen in seiner natürlichen, menschlichen und gesellschaftlichen Umwelt.

Wenn die Kraft, die wir für gewöhnlich Gott nennen, unmittelbar ansprechend ist

Es gibt in Begegnungen manchmal Momente, in denen etwas passiert, womit ich nicht rechnen kann: ein Bewegtwerden, in dem meine gewohnten Bilder und Gedanken für einen Augenblick sich öffnen, in einen Möglichkeits- und Ausdrucksraum gelangen, in dem die Spontaneität früher ist als meine herkömmlichen Interessen. Es ist ein nicht näher definierbarer Raum meiner selbst, in dem die Kraft, die wir für gewöhnlich Gott nennen, unmittelbar ansprechend ist. Dieser unverfügbare Moment des Sich-Angesprochen-Fühlens ereignet sich, er kann geschehen; es kann mir passieren. Er ist nicht planbar, nicht berechenbar und schon gar nicht dogmatisierbar. Es ist wie im Flow. Es ist eine berührende Stimmung, die mich gerade vom Definierten und Definierbaren wegführt, um mich neu auszurichten und neu zu bestimmen. Es ist eine aus der Sinnlichkeit aufsteigende, auf ein neues Hören und Sehen hin angelegte Stimmung, die sich als je eigene — als meine, als deine — innere Stimme vor Gott ereignet.

Das Atmosphärische zeigt sich hier als flüchtiger Kern einer Berührung, die mich bewegen will zum Anderen. Die Philosophie und auch die Theologie nennen dieses Berührtsein „Kairós“, einen günstigen Moment, die qualitative Seite der Zeit, in der die Zeichen für eine Begegnung günstig stehen. Um einen solchen Kairós geht es womöglich auch jetzt hier, in diesem Moment.

Standpunkte können bewegen.

(Ich danke Ihnen.)

 

Anmerkungen:

¹  Simone Husemann (Hg.): „Hier stehe ich!… — Standpunkte, die bewegen“. Aktuelle Kunst und Literatur zum Reformationsjahr 2017. Katholische Erwachsenenbildung Wiesbaden-Untertaunus und Rheingau / „Kirche und Kultur“ der Katholischen Kirche der Stadt Wiesbaden. Wiesbaden 2017, S. 8

² Sebastian Leikert: Schönheit und Konflikt. Umrisse einer allgemeinen psychoanalytischen Ästhetik. Gießen, Psychosozial-Verlag 2012, S. 51

³ „Hier stehe ich!… — Standpunkte, die bewegen“, S. 96f.

Irrungen, Wirrungen

Warum der Glaube der Kirche so heruntergekommen ist

Von Ludger Verst

Ungeachtet der Wiederkehr des Religiösen und der wachsenden weltpolitischen Bedeutung der Religionen sieht es mit den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland nicht gut aus. Während sie im sozialen und karitativen Bereich noch durchaus hohe Imagewerte erzielen, verlieren sie im Innerkirchlichen, ihrem Kerngeschäft, unübersehbar an Boden. Die Shell-Jugendstudien der letzten Jahre dokumentieren ein drastisches Absinken der Gottesdienstbesucherzahlen vor allem bei jungen Mitgliedern. Kirchenbindungen kommen trotz Taufe, Kommunion, Firmung oder Konfirmation kaum mehr zustande. Man mag dies bedauerlich finden; überraschen dürfte es niemanden mehr.

„Mit Kirche darf ich nicht scheiße aussehen“ (Shell-Jugendstudie 2010)

Die Gründe für die enormen Mitglieder- und Popularitätsverluste sind vielfältig; sie nur aufzulisten würde den hier beabsichtigten Rahmen sprengen. Natürlich sind auch die Kirchen in der spätmodernen Gesellschaft von der allgemein diagnostizierten Institutionenkrise nicht ausgenommen. So werden inzwischen eine Reihe religiöser Funktionen von anderen Ritualanbietern und Sinnagenturen mit weitaus größerer Zielgruppenorientiertung übernommen. Eine früher sich eher sozial und politisch definierende Religiosität tritt heute hinter eine deutlich biografiesensiblere Spiritualität zurück. Das Interesse an religiösen Inhalten bemisst sich weitgehend danach, ob und inwieweit sie Prozesse der Selbstthematisierung und Selbstvergewisserung in Gang setzen. Hinzu kommt: Kirchliche Glaubenssätze und Moralvorstellungen erscheinen der Mehrheit der Gesellschaft als inhaltsleere Phrasen einer ewiggestrigen christlichen Tradition, die mit verständnislosem Kopfschütteln quittiert werden. Mit der Welt, die Menschen tagtäglich erleben, hat diese Art zu reden nichts mehr zu tun. Die Kirchen sind als Orte einer glaubwürdigen Gottesrede nachhaltig diskreditiert.

Die Krise der Kirche resultiert aus einem von innen wie von außen her betriebenen Erosionsprozess des Glaubens.

Dies gilt insbesondere für die katholische Kirche. Karl Rahner, einer der großen katholischen Theologen des letzten Jahrhunderts, wies im Anschluss an das Reformkonzil schon in den 1960er und Siebzigerjahren auf einen dringenden Strukturwandel der Kirche hin. Weithin ausgeblendet blieb in diesem Zusammenhang seine geradezu psychoanalytische Diagnostik, hatte er doch im Kommunikationsgeflecht „Kirche“ mit dem so genannten anonymen, genauer: „kryptogamen Häretiker“ bereits die Schwundfigur eines modernen Gläubigen ausgemacht. Als Häresie (von griechisch: hairesis = Wahl/Neigung) bezeichnet man eine vom katholischen Glauben abweichende Lehrmeinung. Häretiker ist, wer von der offiziellen Lehre der katholischen Kirche abweicht und von ihr als solcher auch gebrandmarkt wird.

Rahner spürte diesen verborgenen Häretiker auf, indem er den Glauben vieler Christgläubiger als Täuschung und Selbsttäuschung entlarvte. Die Häresie, die sich inmitten der Kirche, an ihrer viel beschworenen Basis auftue, sei unsichtbar, weil sie von niemandem offen bekannt und auch von kaum einem Kirchenoffiziellen öffentlich angeprangert werde. Der Irrglaube des kryptogamen Häretikers bestand für Rahner darin, dass viele Christen im Alltag Lebensregeln folgten, die, würden sie in ihrer inneren Wahrheit und Struktur zu Ende gedacht, als krasser Gegensatz zu dem erkennbar wären, was dieselben Menschen in ihrem Glauben bekennen. Deshalb dächten sie gar nicht erst darüber nach. Man konnte die Dreifaltigkeit Gottes und auch die Jungfrauengeburt irgendwie akzeptieren, man konnte selbst die rigide Sexualmoral irgendwie hinnehmen und zugleich Mitglied einer modernen, fortschrittsgläubigen Gesellschaft sein.

Man blieb katholisch, obwohl man längst weite Teile seines Glaubens als realitätsfremd oder wenig originell ausrangiert hatte. 

Unmerklich verdunsteten Kernbestände von Glauben, Sitten und Moral hin zu einem Parallelkatholizismus neben dem offiziellen römischen Lehramt. Es galt eine Art Nichtangriffspakt. Solange man zur Kirche ging und seine Kinder taufen ließ, war man an Aufklärung über die näheren Umstände nicht interessiert. Heute zeigt sich in voller Drastik das Ergebnis dieser schleichenden Erosion. Rahner hatte einen Strukturwandel der Kirche gefordert, ihre Öffnung zur Welt, ihre Entklerikalisierung. Er wollte eine charismatische und keine amtliche Kirche; er forderte Seelsorgerinnen und Seelsorger, nicht Bürokraten.

Das Gegenteil aber blieb der Fall. Dogmatische Lehrmeinungen mit unumstößlichem Wahrheitsanspruch gelten seit den frühen Konzilien als Instrumente, die die Gestalt kirchlicher Autorität vor Veränderungen schützen sollen. Es kann aber nicht etwas dadurch wahr sein, dass es kirchlicherseits angeordnet wird. Statt die Glaubenslehre beständig weiterzuentwickeln und am Vermittlungsstil Jesu zu schärfen, wird sie mit administrativen Mitteln gegen jedwede Anfrage verteidigt.

Die weitgehende Dialogunfähigkeit kirchlicher Amtsträger verhindert eine kommunikationsoffene Kirche; schlimmer noch: sie produziert klerikale Häresien.

Eine kirchenamtlich verordnete „Wahrheit“ ist in sich bereits die Unwahrheit, weil sie den Geist, der wahre Einsicht schenken könnte, mutwillig selbst zerstört, aus Angst, von ihm zerstört zu werden. Was bleibt, ist eine Position der Macht, die umso grandioser nach außen sich gebärden muss, als sie im Innern hohl geworden ist. Hier zeigen sich die massiven Grenzen kirchlicher Kommunikations- und Dialogfähigkeit. Während der kryptogame Häretiker so tut, als ob er noch glaube, diktiert der klerikale Häretiker qua Amt, was einzig und allein zu glauben sei. Beide Haltungen resultieren aus diffusen Verlustängsten und sind im Prinzip Immunisierungsstrategien, deren Handhabungen nun bereits über Jahrzehnte spirituelle Windstille erzeugen.

Ein anschauliches Beispiel für klerikale Häresie liefert aktuell der Passauer Bischof Stefan Oster, wenn er sich vehement gegen die Priesterweihe für Frauen ausspricht. Zum „Geheimnis von Schöpfung und Erlösung“ gehöre, verrät er in einem Interview der Herder Korrespondenz (9/2017), dass Jesus ein Mann war. Deshalb könne der Priester, der „in persona Christi“ handle, keine Frau sein. Bei den Geschlechterrollen gebe es heute zwar einen Wandel, aber nicht alles daran sei „fundamental“, so Oster. Jesus stelle sich im Evangelium eindeutig als „der Bräutigam“ vor, Maria dagegen sei das Urbild der Kirche und die Kirche insgesamt „Braut Christi“.

„Die Tatsache, dass Christus ein Mann ist und Maria als Urbild der Kirche eine Frau, ist kein biologischer Zufall.“ (Stefan Oster)

Ohne die Symbolik solcher Bildsprache überhaupt verstanden zu haben, kreiert der Bischof hier eine Version von „Kirche“, die nicht nur sprachlich eine Zumutung ist (https://www.domradio.de/video/oster-ueber-jesus-als-braeutigam-der-kirche), sondern auch biblisch durch nichts gestützt werden kann. Dass Frauen in der Kirche ausgegrenzt worden seien und Unterdrückung erfahren hätten, bedauere er. Das sei „eine Sünde der Kirche“, um im nächsten Satz zu betonen, dass der Vorbehalt des Priestertums für Männer vom Grundsatz her nicht in diese „sündigen Strukturen“ gehöre. Das Verbot der Frauenordination sei vielmehr „lehramtlich geklärt“. — Wenn die Kirche die „Braut Christi“ sein soll: Was spräche dagegen, an einem substanziell weiblicheren Erscheinungsbild der Kirche zu arbeiten? Männer in Kleidern reichen definitiv nicht.

Ob Frauenpriestertum, Homosexualität, Zölibat oder wiederverheiratete Geschiedene: Die Inkongruenzen zwischen Klerus und „Volk“ werden notorisch ausgeblendet, ignoriert oder verdrängt und produzieren so unablässig massiver werdende Störungen. Ein Kontroll- und Machtverlust der Kleriker soll unter allen Umständen verhindert werden. Kaum einer der Verantwortlichen will erkennen, dass ein derart Angst verdrängender Dogmatismus die Sterilität einer heruntergekommenen Theologie-Kultur schonungslos unter Beweis stellt.

© 2017 Ludger Verst

Quelle: DAS MILIEU – http://www.dasmili.eu/art/irrungen-wirrungen-warum-der-glaube-der-kirchen-so-heruntergekommen-ist/ (15.09.2017)

Gott «gibt es nicht»

Wie Religiöses in Erscheinung tritt

Von Ludger Verst

Religiöses Verstehen beruht nicht allein auf wortsprachlichen Formen. Texte, insbesondere solche, die religiös in Gebrauch genommen werden oder in denen Religion thematisiert wird, sind an situative Kontexte gebunden.

Ich möchte dies an einer kleinen Geschichte veranschaulichen, die ich — gegen ihre herkömmliche, meist naive Deutung — als ein phänomenologisches Narrativ, als Plädoyer für ein genaues Hinsehen verstehe:

Ein kleiner Junge kommt zu seinem Vater und will mit ihm spielen. Der aber hat keine Zeit für den Jungen und auch keine Lust zum Spiel. Also überlegt er, womit er den Knaben beschäftigen könne. In einer Zeitschrift findet er eine komplizierte und detailreiche Abbildung der Erde. Dieses Bild reißt er aus und zerschnipselt es in viele kleine Teile. Die gibt er dem Jungen und denkt, dass der mit dem Zusammensetzen der Teile wohl eine Zeit lang beschäftigt sei. Der Junge zieht sich in eine Ecke zurück und beginnt mit dem Puzzle. Schon nach wenigen Minuten kommt er zurück und zeigt seinem Vater das fertig zusammengesetzte Bild. Der kann es kaum glauben und fragt den Sohn, wie er das geschafft habe. Das Kind erklärt: „Ach, auf der Rückseite war ein Mensch abgebildet. Den habe ich richtig zusammengesetzt. Und als der Mensch in Ordnung war, war es auch die Welt.“

Das Heilige findet sich im Alltäglichen.

Die Geschichte zeigt sehr schön, dass gerade Unbekanntes oder Fremdes genaues Hinsehen verlangt. Ich mache eine neue, kaum für möglich gehaltene Entdeckung, wenn ich mich im Unübersichtlichen zunächst mit der vorfindlichen, mir bekannten Welt auseinandersetze. Das Andere, noch Fremde, das meinen Horizont übersteigt, wird sich mir in meinem Alltag zeigen. So ist es grundsätzlich auch mit der Religion. Das Heilige findet sich nicht durch besondere Anstrengung und doch nirgendwo anders als im Alltäglichen. Soll Religion zu denken und zu handeln geben, muss sie im Hier und Heute erfahren, wahrgenommen und gedeutet werden.

Geradezu umgekehrt ist es im gesellschaftlichen und kirchlichen Umgang mit ihr: Schnelles „Wissen“ genügt offenbar, um Religion einer Sonderwelt zuzuordnen, sie irgendwie mit Kirche in Verbindung zu bringen und dahinter eine besondere Form des Umgangs mit Sitte und Moral zu vermuten. Solche pragmatischen Routinen greifen zu kurz. Soll Religion professionell in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht und entsprechend verantwortungsvoll gelebt werden, bedarf es einer gehörigen Präzisierung der Wahrnehmung. Auch die eigene kirchliche Wahrnehmungs- und Kommunikationspraxis bedarf der Selbstaufklärung, um nicht ideologisch oder dogmatisch weiter zu verhärten.

Ich verstehe unter Religion das, was sich in, mit und unter den Formen ihrer Ingebrauchnahme zeigt.

Phänomenologisch formuliert: Man muss auf das schauen, was in Erscheinung tritt. Wer die Dinge, wie sie sich zeigen, zum Leitfaden macht, identifiziert religiöse Rede nicht länger mit einem Handeln nach Regeln und dem Anwenden von lehrhaftem Wissen, sondern meint zunächst die ganz ursprüngliche Situiertheit des Menschen in seiner natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt. Zu einer solchen Wahrnehmung gehören Ereignisse, Schriften, Orte und Personen, Rollen und Ämter, die als religiös, göttlich oder heilig erlebt, bezeichnet und behandelt werden. Das Als artikuliert keine verborgene Phänomenstruktur, sondern macht die Perspektive explizit, in der das Phänomen erscheint. Im strengen Sinne gibt es nichts Religiöses, das schlechterdings religiös ist. Auch Gott an und für sich gibt es nicht. Das Religiöse oder Göttliche ist keine Entität. Es besteht nicht aus vorgefundenen Qualitäten, wie es die schlichte Rede von religiöser Erfahrung suggeriert. Das Als markiert eine kritische Schwelle, vor der jede Rede von Gott grundsätzlich steht.

Inwiefern lässt sich, was sich zeigt, für wahr halten?

Religion ist allererst eine wahrnehmungsbasierte Praxis. Theologisch kann man darum auch nicht die Wahrheitsfrage an bestimmte Zeichen- und Symbolqualitäten koppeln, sondern muss sie als Bewahrheitungs- und Evidenzerfahrung auf der Deutungsebene verhandeln. Die Frage, ob ein Zeichen als ein wahrer Ausdruck im Sinne des Evangeliums gelesen werden kann, ist als Deutungsfrage nur im Kontext konkreter religiöser Äußerungsbedingungen verhandelbar.

Anschauungen bilden sich über das Anschauen. Welche Bedeutung dem Angeschauten jeweils zugeschrieben wird, bleibt unverfügbar. Nur so viel lässt sich sagen: „Richtig zusammengesetzt“, zeigt sich eine ganze Welt.

Theologie trifft Therapie

Von der Sehnsucht nach Heilung

Deutschlandfunk Kultur, 23. Juli 2017, 07.05 bis 07.30 Uhr
Autor: Ludger Verst

Der Wunsch nach Heil und Heilung, nach Gesundheit und Glück durchzieht die Geschichte der Menschheit. Diese Sehnsucht ist heute so groß wie schon zur Zeit Jesu, von dessen heilvollem Wirken vor allem die Evangelien erzählen. Die Religionen existierten selbst lange Zeit als überzeugende und wirksame therapeutische Methoden. Inzwischen drückt sich die Hoffnung auf professionelle Hilfe in einer rasanten Ausdifferenzierung medizinischer Fachgebiete aus. Die Psychiatrie zum Beispiel hat sich zu einem eigenständigen medizinischen Fach entwickelt.

Auch in kirchlichen Handlungsfeldern haben Entwürfe einer heilenden Seelsorge Konjunktur. Wäre es nicht wichtig, diese Dimension der Seelsorge, die therapeutische Kraft, die in der Rede von und in der Hinwendung zu Gott grundsätzlich steckt, noch stärker bewusst zu machen und in den Vordergrund zu stellen? Sollten sich angesichts der enormen Heilungssehnsucht der Menschen Theologie und Seelsorge nicht selbst viel mehr als heilend und therapeutisch erweisen?

Musik: Camouflage, Greyscale (2015), Stück 12: Dark Grey (Von 00:01 bis 01:40; Fade Out bei 01:35 min.)

„Wenn es um unseren Glauben geht, sind wir alle Experten. Zumindest glauben wir das“, schreibt Ulrich Schnabel zu Beginn seines Buches „Die Vermessung des Glaubens“, um dann auf den nächsten über 500 spannend zu lesenden Seiten zu beweisen: Vieles am Glauben ist Glaubenssache, aber auch die Wissenschaft kann Erkenntnisse zum besseren Verständnis des Phänomens „Religion“ beitragen. Zahlreiche Forschungen, Statistiken und Experimente belegen, dass kulturelle, aber eben auch biologische, medizinische und psychologische Aspekte des Menschseins im Verständnis von Glauben und Religion eine Rolle spielen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich vor allem die medizinische Forschung für die Frage interessiert, ob „Religion“ tatsächlich heilsam wirken könne — und wenn ja, wie dies zu erklären sei. Jährlich erscheinen Hunderte von wissenschaftlichen Artikeln und Studien, die sich mit der Beziehung zwischen Religion und Gesundheit befassen. Eine Reihe von ihnen will herausgefunden haben, dass religiöse Menschen tatsächlich weniger unter Angst und Depression litten, weniger Drogen konsumierten, oftmals ein stärkeres Immunsystem und auch eine höhere Lebenserwartung hätten als nicht-religiöse Menschen.

Was aber ist dran an solchen Studien? Ganz oben auf der Liste der Themen, die gern untersucht werden: Wie steht es um die Heilkraft des Betens? Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Die Annahme, durch Gebete für fremde Menschen ließe sich irgendeine Art von unabhängig vorhandener, göttlicher Energie mobilisieren, kann nicht bestätigt werden. Zumindest im Kontext wissenschaftlicher Studien lässt sich ein solch externer Einfluss auf Kranke nicht beobachten. Doch wäre es voreilig, Gebeten oder anderen Heilungspraktiken damit jede Wirkung abzusprechen. Denn auf individueller, subjektiver Ebene können sie sehr wohl einen Effekt haben, meint auch unser Buchautor Ulrich Schnabel:

Studiosprecher:
„Wer den Einfluss von Gebeten oder religiösen Praktiken auf einen Krankheitsverlauf erforschen will, tut (…) gut daran, genau nach der Einstellung des jeweiligen Patienten zu fragen. Das zeigen zum Beispiel (…) die Ergebnisse des Religionswissenschaftlers und Psychologen Sebastian Murken (…). Er und seine Mitarbeiter haben in der Onkologischen Rehabilitationsklinik in Bad Kreuznach die Rolle der Religiosität bei der Bewältigung von Brustkrebs untersucht und festgestellt, dass Religion zwar helfen kann — aber nur unter bestimmten Bedingungen.

Eine hilfreiche Stütze im Glauben fanden Murkens Studie zufolge jene Patientinnen, die hochreligiös waren und ein positives Gottesbild hatten. Nach dem Motto „Was der Herr tut, das ist wohlgetan“ konnten sie selbst ihrer Krankheit etwas abgewinnen, sie annehmen und konstruktiv mit ihr umgehen. Wer dagegen das Bild eines strengen, strafenden Gottes im Herzen trug, litt in der Klinik verstärkt unter Angst- und Depressionszuständen; diese Patientinnen machten sich eher religiös begründete Vorwürfe und setzten sich damit noch zusätzlich unter Druck. Und die unentschiedenen Vertreterinnen einer ‚mittleren Alltagsreligiosität‘ waren in der Klinik vor allem von Verunsicherung und Zweifeln geplagt. — Der Glaube kann also, je nach Einstellung, sowohl eine positive wie eine negative Wirkung haben.“¹

Musik: Camouflage, Greyscale (2015), Stück 12: Dark Grey (Von 01:40 bis 02:50; Fade Out bei 02:45 min.)

Als Diakon und Krisenseelsorger im Bistum Mainz kenne ich viele Menschen, die in existenziell bedrohlichen Situationen auf ihren Glauben setzen, ja, oft nach langer Zeit auch ihren Kinderglauben wiederentdecken. Es gehört offensichtlich zu den natürlichen Heilungskräften in uns selbst, dass gerade dort, wo herkömmliche Methoden der Bewältigung und Heilung an ihre Grenzen stoßen, sich innere Potenziale als ungeahnte Kraftreserven bemerkbar machen. Wo im Leben der Untergang droht und auch der schnelle, fromme Wunsch nach Heilung nicht in Erfüllung geht, erlebe ich Menschen, die in verblüffender Weise ein Gespür für sich entwickeln und ein Wachsein für das, was wichtig, und für das, was richtig ist in ihrem Leben.

Wann immer das passiert, wird das Vertrauen in die inneren Selbstheilungskräfte, ohne die weder Therapie, Beratung, noch Seelsorge wirken könnten, neu belebt. Das Verblüffende dabei ist: In dem Maße, in dem ich dieses Vertrauen in die innere Kraft eines Ratsuchenden selbst spüre und erlebe, wirkt das Geschehen, in das unser Beratungsgespräch oder Seminar eingebettet ist, verändernd und heilsam.

Ich verzichte bewusst auf ein von außen gesteuertes, inhaltliches Eingreifen in das Gesprächsgeschehen — es sei denn, mein Gegenüber bittet darum. Das kommt manchmal vor, z.B. wenn jemand fragt, inwiefern ich, der ich doch Theologe sei, auch hier und jetzt Gott am Werke sehe. Anders als manch anderer in Beratung und Seelsorge sehe ich meine Aufgabe in der Regel darin, etwas wahr- und ernstzunehmen, zu fördern und zu unterstützen, was bereits als Potenzial da ist und was sich von innen heraus als ein Prozess ereignet. Mit dem Evangelisten Matthäus teile ich die Überzeugung, dass Menschen ihre Ziele und die Wege dorthin besser kennen als ein Seelsorger oder Therapeut: „Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berge sagen: Rück’ von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein“ (Matthäus 17, 20).

Musik: Camouflage, Greyscale (2015), Stück 8: Leave Your Room Behind (Von 00:01 bis 02:40; Fade Out bei 02:35 min.)

Patienten und Menschen in Lebenskrisen, aber auch viele Angehörigetherapeutischer und anderer helfender Berufe lassen sich gern von dem Ideal leiten, dass ein Mensch von Grund auf heil werden und so zu einem glücklichen Leben finden könne. Mittels medizinischer und therapeutischer Verfahren müsse es doch heute möglich sein, schnell und am besten ein für allemal gesund und leidensfrei zu werden. Wiewohl solche Ziele durchaus wünschenswert sind, dürfte dieses Ansinnen aus der Perspektive von Theologie und Seelsorge auch kritisch zu betrachten sein.

Wolfgang Reuter, Theologieprofessor und seit vielen Jahren Klinikpfarrer im Erzbistum Köln, weist darauf hin, dass es — im Unterschied zum vielfach überzogenen Gesundheits- und Ganzheitsideal — darauf ankomme, Leidenserfahrungen nicht einfachhin und möglichst schnell loszuwerden, sondern als ganz normale menschliche Erfahrungen von gesunden, behinderten und kranken Menschen in den Blick zu nehmen und zu würdigen. Er sagt, die Seelsorge sei gut beraten, sich von Charakterisierungen wie „heilend“ oder „therapeutisch“ zu trennen, um in dieser Abgrenzung ihre eigene Perspektive anzubieten, die er als „heilsam“ bezeichnet. „Heilsame Seelsorge“ bringe seines Erachtens einen Perspektivwechsel mit sich. Sie könne sich nur dort als ‚heilsam‘ erweisen, wo sie sich an die Seite leidender, kranker und behinderter Menschen stelle, ohne gleich von ihnen Heilung oder therapeutischen Fortschritt zu erwarten. Der Ort des Seelsorgers sei dort, wo nach allem therapeutischen Bemühen Linderung, Besserung oder Heilung gerade nicht zu erwarten seien.²

Beispielhaft hat das — nach meiner Überzeugung — Jesus getan, indem er sich bedingungslos solidarisch an die Seite der Leidenden stellte. Sein Handeln war keine Stellvertretung, aber ein Akt, der Wirklichkeit verändert hat: in der Würdigung des Menschlichen, des Gebrechlichen, des um Sinn Ringenden überhaupt. Wenn es stimmt, dass Sinn an biografischen Brüchen und Schnittstellen entsteht, dann ist der Gekreuzigte und Auferstandene die Sinnquelle schlechthin. Heil und Gottesnähe entstehen nicht durch Leiden. Erlösung geschieht nicht durch das, was Jesus getan hat, durch sein Werk, sondern durch das, was er ist: seine Person. Das Erlösungsgeschehen hat mit der ganzen Lebensweise und Existenz des Jesus von Nazareth eine verbindliche, verdichtete Dramatik erfahren, die zeigt: Die Person, das Individuum kann nicht kaputt gemacht werden, weil der liebende, der leidende und mitgehende Gott auf seiner Seite steht.

In ähnlicher Weise erlebe ich in seelsorglichen Beziehungen, unabhängig von Konfession und Religion, auch die Ratsuchenden. In ihnen ist als Person etwas angelegt, das „unkaputtbar“ ist. Das Gespür dafür mag im Moment verschüttet sein, aber grundsätzlich ist es da. Das zeigt sich meistens im Gespräch. Ob nämlich der Seelsorger, der Beratende, wahrnimmt und ernstnimmt, dass es dieses Gespür für den eigenen Weg im Ratsuchenden tatsächlich gibt. Die Atmosphäre, die als Folge dieses wertschätzenden In-Beziehung-Seins entsteht, wird mir als ein zentraler machtvoller Faktor für Veränderung immer mehr bewusst. Dies ist ein Denken und Handeln, das in unserer effizienz- und leistungsbezogenen Gesellschaft eher ungewöhnlich ist.

Die meisten sind durch ihren Bildungsweg gewohnt, dass vom Elternhaus über Kindergarten zu Schule und Weiterbildungseinrichtungen immer jemand da ist, der zeigt, wohin der Weg führt und wie man ihn gehen muss, um erfolgreich und anerkannt, gesund und lebenstüchtig zu sein. Für fast alle Lern- und Veränderungsprozesse stehen Fachleute bereit, die besser wissen wollen als ihre Schüler, Klienten und Patienten, wie und wohin ein solcher Prozess ablaufen soll, in welchen Schritten und in welchem Tempo. Dementsprechend werden Prozesse gerne fremdgesteuert. Die Vorstellung, dass sich Lernende und Ratsuchende aus sich selbst heraus in vielem besser und nachhaltiger mit den Forderungen aus Umwelt und Innenwelt auseinandersetzen können als auf vorgefertigten Bahnen, ist auch in den Kirchen noch ziemlich gewöhnungsbedürftig. Umso mehr kommt es mir in beratender Seelsorge darauf an, dass ich mit meinem Gegenüber so im Kontakt bin, dass der Prozess seines persönlichen Wachstums gerade an den Stellen wieder in Gang kommen kann, wo leidvolle, krankmachende Behinderungen ihn blockiert haben.

Musik: Camouflage, Greyscale (2015), Stück 1: Shine (Von 00:01 bis 03:17; Fade Out bei 03:11 min.)

Die Frage nach der heilenden Dimension der Seelsorge und ihrer therapeutischen Kraft, die ja am Anfang unserer Sendung stand, lässt sich nunmehr als ein Grundanliegen der Theologie selbst erkennen und beantworten. Im Unterschied zu Positionen, die eine strikte Trennung von Therapie und Seelsorge für sich in Anspruch nehmen, betrachte ich seelsorgliches Arbeiten als ein Beziehungsgeschehen in therapeutischem Sinn. Ich habe Seelsorge als eine Begegnung von Person zu Person beschreiben können, in der Beratender und Ratsuchender authentisch miteinander in Beziehung treten. Der Kern einer solchen Beziehung besteht darin, dass der Ratsuchende wahrnimmt, dass ihn der Beratende in der Art und Weise seines Erlebens und Sprechens einfühlsam und unbedingt wertschätzend annimmt. Diese Beziehung zwischen Beratendem und Ratsuchendem ist die Therapie.

Schon die frühe Therapieforschung hat die Relevanz einfühlsamer Beziehungen für psychische Entwicklungen ebenso nachweisen können wie die Forschung in der Entwicklungspsychologie. Neuere Ergebnisse, insbesondere aus der Neurobiologie, bestätigen dies. Personzentrierte Seelsorger sprechen heute von Beziehungstiefe, die in einer einfühlsamen Begegnung erreicht werde. Im Zuhören erfahren sie, wonach Menschen streben, wenn sie in Freiheit sich entscheiden können: Was ist mein Lebensziel? Wonach suche ich? Was ist mein Sinn? Fragen, die jedes Individuum für sich, auf je eigene Art stellen und beantworten muss. Als Berater und Seelsorger höre ich solche Fragen in unterschiedlichster Form. Menschen, die sich in persönlicher Not befinden, versuchen, die Richtungen, die ihr Leben nimmt, kennenzulernen, zu verstehen oder auch neu zu bestimmen, um — wie Søren Kierkegaard es ausgedrückt hat — „das Selbst zu sein, das sie in Wahrheit sind“.

Es heißt: „Glauben kommt vom Hören“. Stimmt. Und Seelsorge? — Wer sich um die Seele anderer sorgt, muss zuhören. In dieser Hinsicht können sich Seelsorgerinnen und Seelsorger immer noch einiges bei Michael Endes „Momo“ ablauschen. Mit der Geschichte vom kleinen Mädchen, das so gut zuhören kann und damit andere zu ihrem „wahren Selbst“ verhilft, möchte ich mich von Ihnen verabschieden:

Studiosprecher:
„Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war Zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Hörer sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Momo konnte so zuhören, dass dumme Leute plötzlich auf sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.

Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.
So konnte Momo zuhören.“

Musik: Loreena McKennitt: The Journey So Far: The Best Of Loreena McKennitt, CD 2, Track 5: Beneath A Phrygian Sky (00:08 – 07:23 min. / open end)

Anmerkungen:

¹ Ulrich Schnabel: Die Vermessung des Glaubens. Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt. Pantheon-Verlag, München, 4. Aufl. 2010, S. 43

² Vgl. Wolfgang Reuter: Heilsame Seelsorge. Über die Notwendigkeit eines Perspektivwechsels auch in der Pastoral mit Menschen mit Behinderungen, in: Behinderung & Pastoral, Themenschwerpunkt Heft 04 „Caritas und Pastoral“, 2. Jg., 03/2003; S. 3f.

³ Michael Ende: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Ein Märchen-Roman. Schulausgabe mit Materialien, Thienemann-Verlag, Stuttgart/Wien 2005 (Erstausgabe 1973), S. 14f.

Beitragsfoto: Elke Just, „la lumière restera“ (2017), Acryl auf Leinwand | 70 x 100 cm