Was ist und was will religiöse Bildung?

| Von Ludger Verst, Mainz |

Die Corona-Pandemie hat in den letzten Monaten verschiedenste Branchen und Berufe in einen Wettstreit darüber verwickelt, welchen Beitrag zur sozialen oder kulturellen Grundversorgung der Bevölkerung sie tatsächlich leisten. So sehen sich — in zweiter oder dritter Reihe — auch Theologie und Kirche und wohl auch der Religionsunterricht mit der Frage nach der Systemrelevanz ihres Handelns konfrontiert. Die herrschenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen tauchen das religiöse Feld in ein ambivalentes Licht. Religion und religiöse Bildung sind heute einer Wirklichkeit ausgesetzt, die streng an Sinn und Nutzen, kaum mehr an Traditionspflege interessiert ist. 

Religion, wie sie die meisten kennen, ist konfessionell geprägt, bekenntnishaft, kirchlich, kurz: institutionalisiert. Institutionalisierte Religion hat es heute schwer. Sie wirkt einerseits „depotenziert und entplausibilisiert“, wie der Religionspädagoge Ulrich Kropač es nennt. Andererseits erfährt sie Rehabilitierung und sogar neue Anerkennung dadurch, dass die ihr innewohnenden Vernunfts- und Weisheitspotenziale als Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme und zur Bearbeitung persönlicher Lebensfragen wiederentdeckt werden. Dies geschieht jedoch unter deutlich veränderten Rezeptionsbedingungen — auch in der Schule. Schon in jungen Jahren zeigen sich Lernende heute als autonome Akteure ihrer religiösen und spirituellen Selbstbestimmung. Dies birgt für den Religionsunterricht Chancen und Risiken zugleich. Denn eine inzwischen weithin individualisierte Religiosität von Lernenden (und Lehrenden) steht in der Gefahr, trotz anspruchsvoller Bildungspläne und Schulcurricula inhaltlich wenig verbindlich, im Grunde farb- und konturlos zu bleiben und eine lebensbedeutsame Kraft kaum mehr zu entfalten. Die Dynamik gesellschaftlicher und persönlicher Entwicklungsprozesse hat zu neuen, unkonventionellen Mustern der Verbindung von Religion und Kultur geführt, die nicht mehr kirchlich geprägt, sondern nahezu ausschließlich inmitten profaner Lebenswelten gebildet und ausprobiert werden.

Schulischer Religionsunterricht muss sich mit den Ambivalenzen eines solcherart veränderten religiösen Feldes deutlicher als bisher auseinandersetzen. Seine Aufgabe kann es nicht sein, Ambivalenzen aufzulösen; er muss sie fortwährend kritisch-konstruktiv bearbeiten. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die religionspädagogische Aufmerksamkeit für religionskulturelle Phänomene zwar deutlich erhöht (z.B. im Bereich der Popkultur); eine systematische Durcharbeitung des Gegenstandsbereichs selbst — etwa in der religionspädagogischen Theoriebildung, geschweige denn in der religionspädagogischen Fort- und Weiterbildung  —  ist in hohem Maße defizitär. 

Hier sehe ich einen wesentlichen Aufarbeitungs- und Nachbesserungsbedarf im Aufgabenfeld (religions-)pädagogischer Institute, vor allem derer, die im Auftrag kirchlicher, d.h. diözesaner und überdiözesaner Träger arbeiten und von ihnen finanziert werden.

Die Aufgabe, religiöse Bildung in der öffentlichen Schule überzeugend zu begründen, zeigt sich gerade unter den verschärften Bedingungen der Corona-Pandemie als eine religionspädagogische Herausforderung ersten Ranges. Bislang geltende Begründungsmuster müssten vor dem Hintergrund veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse modifiziert, vielleicht auch revidiert werden. Denn trotz der eher formalen, grundgesetzlichen Sicherung des Religionsunterrichts ist religiöse Bildung in der Schule zusehends erklärungs-, wenn nicht gar begründungspflichtig geworden. Im Legitimationsdiskurs für das Fach Religion ist bildungs- und schulpolitisch plausibel zu machen, welchen Nutzen religiöse Bildung für Staat, Gesellschaft und Individuum überhaupt (noch) einzubringen vermag. Weniger das institutionelle als das interdisziplinäre Gespräch wäre zu suchen: zwischen Bildungsverantwortlichen und Vertreter*innen von Berufsverbänden, zwischen Fachwissenschaftler*innen, Lehrenden und Lernenden — in Arbeitsgemeinschaften, Pilotprojekten und Feldversuchen über die Frage: Was will und was soll religiöse Bildung in Zukunft leisten?

1. Zukunftsfähige religiöse Bildung müsste Religion als einen eigenständigen, biografisch orientierten Modus der Weltbegegnung und des Weltverstehens etablieren und dabei indukative und edukative Aspekte der Weltaneignung berücksichtigen. — Was ist mein Platz in dieser Welt? Kann ich meinem Leben jenseits aller Nützlichkeit auch Tiefe verleihen? Gibt es bleibende Werte? Wie weit reicht mein Anspruch auf eine Beherrschbarkeit des Lebens, auf ein Leben ohne grundstürzende existenzielle Erschütterungen? Und wie verhält sich die Rede von Gott oder von Göttlichem zu solchen fundamentalen Erfahrungen? — Antwortangebote werden heute mehr oder weniger individuell auf Stimmigkeit überprüft und erlebnisbezogen formatiert. Eine früher sich eher sozial und politisch definierende Religiosität tritt heute hinter eine deutlich biografiesensiblere Spiritualität zurück. Das Interesse an religiösen Inhalten bemisst sich weitgehend danach, ob und inwieweit sie Prozesse der Selbstthematisierung und Selbstvergewisserung in Gang setzen. Der Religionsunterricht bietet hier einen wichtigen Raum, in dem existenzielle Erfahrungen gemeinsam zur Sprache gebracht und lebensrelevant bearbeitet werden.

2. Religion als Kultur des Umgangs mit menschlich Unverfügbarem, mit Kontingenz und Transzendenz stellt eine wichtige Form des Weltzugangs und der Weltdeutung dar, die auf den steigenden Orientierungs- und Reflexionsbedarf in Gesellschaft und Schule konstruktiv zu antworten und den Beteiligten mit einer eigenen Ausdruckskultur zu begegnen versteht. Hier liegt die große Chance religiöser Bildungsangebote. Sie bringen theologische Deutungen menschlicher Existenz und der Würde eines jeden Lebens ins Spiel, insbesondere in Dilemmasituationen. Sie bieten bewährte Lebensdeutungen und Ausdrucksformen im Umgang mit Angst und Einsamkeit, Liebe und Glück, Tod und Trauer. Denn Leben und Überleben, vor allem in Krisen, kann nur gelingen, wo sich am Ende einer inhaltlichen und existenziellen Auseinandersetzung ein Lösungsangebot abzeichnet. Wo hingegen das Nachdenken über sich und seine Welt im Dunkeln, d.h. ungeklärt und unerklärbar bleibt, da sind Ressourcen einer Krisenbewältigung rasch erschöpft. Visionen für ein Leben nach der Krise, wie sie etwa aus dem christlichen Glauben gerade angesichts der Krise erwachsen können, sind auch unabhängig von pandemischen Krisenerfahrungen allgemein plausibel und wünschenswert. Hier sehe ich religionspädagogische Zugänge zu einer gleichermaßen wertevermittelnden wie weltoffenen Schule und zu einem Religionsunterricht, der in religiöse Wissensbestände und Narrative gelingender Lebens- und Krisenbewältigung einführt und Lernende befähigt, sich diese anzueignen, sie zu kritisieren und zu transformieren.

3. Kinder und Jugendliche denken und agieren pragmatisch. In diesem Rahmen verorten sie ihre Religiosität oder Spiritualität. Sie setzen sie strategisch ein. Eine religionspädagogische Kernaufgabe in der Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften wird darin bestehen, Religiosität und Spiritualität ungeachtet ihrer immer schon gegebenen Bezogenheit auf institutionalisierte Religion als eigenständige biografische Einflussgrößen anzuerkennen und zu reflektieren. Religiöse bzw. spirituelle Kompetenz müssten als Schlüsselbegriffe religiöser Bildung in der Schule deutlicher profiliert werden. Sie bilden ein „anthropologisches Grunddatum“, so Ulrich Kropač. Wo dieses mit Hilfe religiöser Kategorien ausbuchstabiert werde, handle es sich um Religiosität; wo es eher biografischen Aspekten einer Sinn-Konstituierung folgt, so möchte ich ergänzen, um Spiritualität.  

4.  Es wird für die Zukunft der Religionspädagogik und in praktischer Konsequenz auch für den Status des Religionsunterrichts von großer Tragweite sein, sich nicht vom aktuellen Bildungsdiskurs zu isolieren, sondern sich an ihm dezidiert weiter zu beteiligen. Hier sehe ich, was das Land Hessen betrifft, das Pädagogische Zentrum (PZ) mit seinem durch die Bistümer Limburg, Mainz und Fulda erteilten religionspädagogischen Kernauftrag in besonderer Weise geeignet und ebenso in der Pflicht. Die vier Handlungsfelder des PZ — „Führen und Leiten“, „Entwickeln und Gestalten“, „Lehren und Lernen“ und „Kommunizieren und Kooperieren“ —, in denen seit Jahren wertvolle und nachhaltige Bildungsarbeit geschieht, müssten meines Erachtens (wieder) stärker auf religionspädagische und -didaktische Erfordernisse hin ausgerichtet und inhaltlich entsprechend profiliert werden.

5. Das bisherige Bemühen um Kompetenzoptimierung müsste erweitert werden. Durch die weiter zurückgehende Akzeptanz der konfessionellen Gestalt von Religionsunterricht erhält die Frage nach anderen geeigneten Modellen religiöser Bildung in der Schule neuen Auftrieb. Es empfiehlt sich, die Modellierung von Religionsunterricht nach Leitlinien vorzunehmen, die auf einen breiten interdisziplinären Konsens zielen. Dazu bräuchte es den kommunikationsstiftenden Impuls einer Institution, die zwischen den Anwälten verschiedener Formen religiöser Bildung und religionspädagogischer Schulen Gespräche initiiert, um methodische, didaktische, möglicherweise auch systemische Innovationen anzuregen, zu begleiten und nachhaltig zu fördern.

Innovativ ist eine Religionspädagogik, wenn sie konfessionelle Identität und kulturelle Diversität miteinander verbindet. Dann dürfte Religionsunterricht auch in Zukunft nicht als pädagogischer Restposten einer merkwürdigen kirchlichen Sonderwirklichkeit empfunden werden, sondern als Reflexionsort eigener Existenzerfahrungen zu erleben sein.

© 2020 Ludger Verst

„Wir sind nichts. — Ihr seid uns alles.“

Unerhörte Reden über Engel

| Von Ludger Verst |

Auf einen Beitrag von mir im Hessischen Rundfunk (hr 1) bekam ich letztens einen etwas seltsamen Brief. Ein Hörer aus Ludwigshafen schrieb:

„… Es ist ganz und gar unmöglich, dass Sie die Existenz von Engeln ignorieren können. Wir wissen doch aus der vergleichenden Völkerkunde, dass die Existenz und der Glaube, dass es diese Geistwesen gibt, gründlich bezeugt ist. Darum stimmt es traurig, wenn ich in Ihrem Beitrag im hr Ihre Auffassung höre. — So! Sie werden sofort anfangen, mit Ihrem Schutzengel zu reden. Aus Ihrem ungläubigen Beitrag erkenne ich, dass Sie es wohl kaum der Mühe wert erachten, mit diesem Ihrem Beschützer und Führer zu reden. …“ 

Hörerreaktionen solcher Art bekomme ich nicht alle Tage. Dabei hatte ich in einer Verkündigungssendung der katholischen Kirche, vielleicht etwas forsch, von „modernen Engeln“ in den Medien gesprochen und behauptet, mit dem „Engel des Herrn“ rechne in einer Informationsgesellschaft wohl kaum jemand mehr. Botschaften empfange man heute anders. Es gebe die Nachrichten, das Handy und das Internet. „Würde Maria uns heute nicht online von ihrem Glück erzählen? Und sich im Netz informieren, was sich zwischen Himmel und Erde Neues ereignet? In der Logik moderner Informationstechnologien haben Engel keinen Verkündigungsauftrag mehr. Mir begegnen sie eher in der Werbung für Lebensversicherungen denn als Botschafter in Gottesangelegenheiten.“ 

Und doch gibt es Engel auch heute noch wie Sterne am Himmelszelt. Sie fliegen uns zu in Kinofilmen; sie schauen uns zu von Plakaten, aus Schaufenstern, Anzeigen und Grußkarten; sie sind gedruckt auf Tassen, T-Shirts und Bettzeug. Kein Verlag lässt sich diese Thematik entgehen, meinem Freund und Kollegen begegnen sie bei jeder größeren Schreibpause auf seinem PC — als Bildschirmschoner: juvenil, goldig, barock. 

All dies fand der Radiohörer aus Ludwigshafen offensichtlich überhaupt nicht gut: so wenig fromm von Engeln zu reden. Dabei habe ich mich noch nie dazu hinreißen lassen, despektierlich über Engel zu sprechen.

„Ein jeder Engel ist schrecklich.“ (R.M. Rilke)

Natürlich weiß ich, dass ich die richtigen Engel nicht mit den Putten auf den Bildern des Barock verwechseln darf. Von Rilke stammt der Satz: „Ein jeder Engel ist schrecklich.“ Sie erschrecken die Menschen, wenn sie in Erscheinung treten. Zwischen Himmel und Erde begegnen sie uns als eine Art geistiger Zwischenwesen mit Botschaften, die oft eine Zumutung sind.

Der Katholische Erwachsenen-Katechismus nennt sie „die unsichtbaren Begleiter und Wächter der Sehnsüchte und Hoffnungen des Menschen“. Weiter heißt es dort: „Die Aussagen über die Engel begegnen heute vielen Einwänden und Verstehensschwierigkeiten. Ohne Zweifel drückt die Schrift die Lehre von den Engeln weithin in mythologischen Sprachformen und in den Vorstellungen der damaligen Zeit aus. (…) In der christlichen Frömmigkeit wurden sie nicht selten verharmlost, verniedlicht und verkitscht. Ein ernsthaftes Sprechen ist auch deshalb schwierig, weil wir dabei an Grenzen der menschlichen Aussagemöglichkeiten geraten. (…) Auf der anderen Seite sollten wir freilich auch sehen, dass die Wirklichkeit umfassender und tiefer ist, als eine rationalistisch missverstandene Vernunft ahnt. (…) In der Bildersprache des Mythos drückt sich eine wesentliche Dimension der Wirklichkeit aus, die rein begrifflich kaum zu fassen ist“ (KEK 1985, 109f.).

Wie aber soll man sich nun die Kommunikation zwischen Engeln und Menschen vorstellen? Die Frage beschäftigt Experten seit Jahrhunderten. Sie hängt mit der Frage zusammen, ob Engel sprechen können — und wenn ja, wie?

Sind Engel körperliche Wesen?

Die Bibel spricht bei Engelerscheinungen nie von deren Körper, sondern bezeichnet sie als Geistwesen. Sie spricht nicht von der Seele oder vom Geist eines Engels, sondern davon, dass seine Natur wesentlich geistig sei. Die Überzeugung, in unserem Leben Engel gegenwärtig zu wissen, hat bereits eine gute theologische Tradition. Die Kirchenväter mussten gegenüber der Stoa die reine Geistigkeit der Engel betonen, gegenüber der Gnosis deutlicher ihre Geschöpflichkeit. Als letzter der lateinischen Kirchenväter stellt Johannes von Damaskus († 754) fest: „Die Engel sind wohl ohne Körperlichkeit im Vergleich zu den materiellen Körpern, die sich in der Schöpfung vorfinden, jedoch im Vergleich zu Gott und Christus (…) sind sie körperlich.“

Auch Thomas von Aquin bearbeitet in seiner Summa Theologiae (q. 51, a. 2) die Frage, ob Engel Körper annehmen können: Thomas hält fest, dass Engel von ihrer eigenen Natur her nicht körperlich sind, dass sie aber bei ihrer Arbeit, bei der Beherrschung des Universums und besonders in ihrer Beziehung zu Menschen Körper annehmen oder etwas, das körperlich zu sein scheint. Weiter hält Thomas fest, dass die Engelerfahrungen der Menschen nicht nur privater Natur und unsere Imaginationen von Engeln nicht ausschließlich subjektiv sind. Er sagt, dass Engelbegegnungen intersubjektive Erfahrungen von Wahrheit sind. Sie erscheinen der Imagination vieler Menschen und durchbrechen damit den Subjekt-Objekt-Dualismus. Und ein Drittes sagt Thomas: Engel brauchen Körper nicht um ihrer selbst willen, sondern für uns. Es gehört zur besonderen Kraft der Engel, uns in körperlicher Form beizustehen, mit uns zu kommunizieren und von uns erkannt zu werden.

Die Frage der Stofflichkeit, der Geschöpflichkeit von Engeln und Menschen ist theologisch wie auch im Blick auf die Digitalität unserer heutigen Lebenswelt von erheblicher Bedeutung. Der digitale Mensch überwindet, anders als früher, mühelos Raum und Zeit. Digitale Netzwerke ermöglichen Exploration, Verbindungen zwischen Fernliegendem, bislang Unmöglichem; sie bedienen unsere Sehnsucht nach Einheit und Integration und einer neuen Verbindung zwischen Himmel und Erde. Alles ist möglich. Und alles ist jetzt. Die digitale Medienkultur schafft religionsproduktive Potenziale, die als Zeichen der Zeit verstanden werden müssen.

Engel sind Verbündete bei der ‚Ein-Bildung‘ des Göttlichen

Vor diesem Hintergrund gewinnt die religiöse Rede von den Engeln eine neue Brisanz, eine im Blick auf Netzwerk-Phantasien und Cyber-Euphorien vielleicht sogar kritisch-vermittelnde Relevanz. Ihr Kontrastprogramm bestünde darin, mit den Möglichkeiten und Grenzen unserer raumzeitlichen Vorstellungen produktiv umzugehen und nicht vorschnellen Erlösungsphantasien zu erliegen. „Produktiv“ will sagen: von der körperlich-materiellen Welt ausgehend unsere geistig-geistlichen Potenziale in diese einzubringen und zu nutzen. Engel könnten Verbündete sein bei der Imagination, bei der ‚Ein-Bildung‘ des Göttlichen. Aber nicht so, dass hier die menschliche Phantasie sich quasi selbst erschiene, also letztlich nur bei sich und dadurch im Grunde beliebig bliebe, sondern sich intersubjektiv vergewissert, dass sie ihre Botschaft, ihre Erleuchtung viel mehr von oben oder von unten, jedenfalls von jemandem zugesprochen bekäme, der im Menschen selbst längst anwesend ist. Eine Spiritualität, die mit den Engeln rechnet, ginge — theologisch gesprochen – von dem Vertrauen aus, dass der Geist Gottes viele Wege geht und Anläufe nimmt, ja, dass „er weht, wo er will“ (Joh 3, 8), dass er sich jeder und jedem mitteilen will und wir Menschen Anteil an ihm gewinnen können und Einsicht in das, was uns am Leben und die Welt zusammen hält.

„In weiter Ferne, so nah!“

Inkarnation scheint notwendig zu sein, damit Menschen überhaupt leben und etwas lernen können. Erkenntnisgewinn, Selbst-Bewusstsein, Entwicklung wären in dieser Hinsicht geschenkte Augenblicke engelhafter Geistesgegenwart in und inmitten der Materialität dieser Welt. Darin leisten Engel einen medialen Transfer. Sie wollen Medien sein und Botschafterdienste leisten. Und können so auch in den Medien selbst zum Thema werden. Sie kennen sicherlich einige Beispiele, vielleicht auch die im Begleitprogramm zu dieser Ausstellung schon gezeigten Filme „Der Blaue Engel“, „Himmel über Berlin“ und „Stadt der Engel“. 

Ich möchte Ihnen – nicht zuletzt zur Illustration des bisher Gesagten – in Auszügen einen weiteren Engel-Film aus der Werkstatt von Wim Wenders vorstellen und zwar „In weiter Ferne, so nah!“ aus dem Jahr 1993. Wenders eröffnet schon mit der Eingangssequenz einen religiösen Raum, indem er die Zuschauer in die geheimnisvolle Sphäre der Engel einführt. Er knüpft dabei an ein durchaus geläufiges Verständnis von Engeln an. Auch hier sind die Engel nicht um ihrer selbst willen da. Sie haben einen Auftrag; sie stehen im Dienst der Menschen. Wie Wenders diesen Dienst der Engel — in filmischer Fortsetzung zu „Himmel über Berlin“ (1987) — im inzwischen wiedervereinigten Berlin versteht und wie die Kommunikation zwischen Engeln und Menschen filmästhetisch in Szene gesetzt wird, das sollen die folgenden ausgewählten Filmsequenzen illustrieren. Schauen Sie (später) gern auch in das Skript mit den entsprechenden Off-Texten des Filmerzählers:

(1)

„Ihr, Ihr, die wir lieben, Ihr seht uns nicht. Ihr hört uns nicht.
Ihr wähnt uns in weiter Ferne, doch sind wir so nah.
Wir sind Boten, die Nähe zu tragen zu denen in der Ferne.
Wir sind Boten, das Licht zu tragen zu denen im Dunkeln.
Wir sind Boten, das Wort zu tragen zu denen, die fragen.
Wir sind nicht Licht, wir sind nicht Botschaft.
Wir sind die Boten.

Wir sind nichts.
Ihr seid uns alles.“

(2)

„Es ist so mühsam geworden, jemanden zu lieben, der immer hartherziger vor uns davonläuft. Warum meiden sie uns immer mehr, die Menschen? Weil wir einen mächtigen Feind haben, Raphaela. Die Menschen glauben der Welt so viel mehr als uns. Und damit sie ihr immer mehr glauben können, haben sie sich von allem ein Bild gemacht. Mit Bildern glauben sie sich ihrer Angst entledigt, mit Bildern glauben sie ihre Hoffnung erfüllt, ihre Freude befriedigt, ihre Sehnsucht gestillt. Die Menschen haben sich nicht die Erde untertan gemacht; sie sind ihr untertan geworden.“

(3)

„Das ist also die Einsamkeit, Raphaela. O, das ist schlimm, sag ich dir. Keiner hört, was im Anderen vorgeht. Keiner sieht dem Anderen ins Herz. Niemand fragt mal was, nicht mal nach dem Weg. Was soll ich denn hier überhaupt? – Rumlungern und zugucken, wie’s ständig Tag wird und wieder Nacht? Nichts macht mehr Sinn. (…) Es schafft sich jeder in seinem eigenen Sehen und Hören seine eigene Welt. Und darin ist man ein Gefangener. Und aus seiner Zelle sieht man die Zelle der Anderen.“

(4)

„Wir Menschen sind ja so angewiesen auf das Sichtbare, Raphaela. Nur was wir sehen können, zählt; nur daran glauben wir. Das Unsichtbare kommt nicht mehr an. Nur was wir anfassen können, gibt es für uns auch wirklich.“

(5)
„Ihr, Ihr, die wir lieben, Ihr seht uns nicht. Ihr hört uns nicht.
Ihr wähnt uns in weiter Ferne, doch sind wir so nah.
Wir sind Boten, die Nähe zu tragen zu denen in der Ferne.
Wir sind nicht die Botschaft.
Wir sind die Boten.
Die Botschaft ist die Liebe.

Überarbeiteter Text eines Vortrags in Telgte im Rahmen einer Engel-Ausstellung im Museum Heimathaus am 30. Juli 2001

© 2020 Ludger Verst

Ich musste durch diese finstere Schlucht

Nachforschungen eines Geretteten

| Von Ludger Verst |

Drei Monate ist es her, dass ich an Corona erkrankte. Wenn ich zurückdenke, ist schnell vieles wieder vor Augen: Asthmatischer Husten, 40 Grad Fieber, 11 Tage Intensivstation. Rund um die Uhr werde ich mit Sauerstoff beatmet. Ich bin dankbar, dass ich überlebt habe. 

Und doch: Warum musste mir das passieren? Ich war kerngesund, hatte keine Vorerkrankungen, keine Reisen in Risikogebiete unternommen. Und dann doch diese Diagnose! Ich, der ich sonst anderen helfe – als Supervisor, Berater und Krisenseelsorger, als Diakon meiner Kirche  war jetzt selbst hilflos, ein Häufchen Elend, mit meinem Latein am Ende.

Mein Zustand verschlechterte sich zusehends. In der Lunge zeigten sich ausgedehnte, teils milchglasartige, teils flächig dichte Infiltrate, die meine Atemnot und einen hochgradigen Sauerstoffmangel im Blut verursachten. Noch im Rückblick fühle ich die Verlassenheit. Die Not, es aus eigener Kraft vielleicht nicht zu schaffen.

„Hast du Gott gespürt in diesen Tagen?“

Manche Freunde fragen, jetzt, da ich wieder zu Hause bin: „Hast du Gott gespürt in diesen Tagen? Hat er dir geholfen in deiner Not?“ Meistens sage ich dann nichts. Ich schweige. Ich weiß, dass die Ärzte und die Pflegerinnen mir geholfen haben. Ich weiß, dass meine Frau den Himmel bestürmt hat Tag und Nacht. Mit mir um Luft gerungen, ja, Freunde und Nachbarn angestiftet hat, für mich und mit mir zu atmen: „Atmet für Ludger! Atmet mit ihm!“ Aus dieser symbolischen Aktion erwuchs ein einziger, großartiger Atem, ein Rückenwind, der mich aus einem tagelang drohenden Stillstand zurück ins Leben trug. In der Frankfurter Rundschau habe ich diese Erfahrung vor einigen Wochen schon ausführlicher beschrieben: https://www.fr.de/panorama/atemzug-atemzug-13764850.html

Vielleicht ist dies die wichtigste, die nachhaltigste Erfahrung aus meinem Kampf gegen das Corona-Virus: Du bist, wenn es ums Ganze geht, nicht allein. Wenn dir die Luft ausgeht, wirst du von anderen zurück ins Leben geatmet, „in-spiriert“. 

Einer dieser Inspirierenden war Patrick Roth, der Schriftsteller-Freund. Viele kennen ihn als den Autor der „Christus-Trilogie“ und der „Nacht der Zeitlosen“. In den dunklen Tagen meiner Corona-Erkrankung wird Patrick für uns zum leidenschaftlichen Psalmbeter. Er empfiehlt Psalm 23 und schreibt ihn meiner Frau Zeile für Zeile auf — in einer Übersetzung, die er ganz am Hebräischen ausrichtet. So könne Jutta ihn als Gebet für mich und auch für sich selber sprechen, da wir beide doch am selben Tische säßen, von dem auch der Psalm spreche: „Du bereitest vor mir einen Tisch – im Angesicht meiner Feinde.“ Meine Frau identifizierte „die Feinde“ direkt mit dem Virus. Das Bild zwang sie förmlich zu dieser Visualisierung. Vers für Vers stieg sie nun mit mir hinab in die seelische Tiefe, aus der der Psalm selbst zu mir sprach: 

„Durchs Tal des Todesschattens muss ich mitten hindurch.
Doch ich fürchte kein Unglück. Denn du bist mit mir“ (Ps 23, 4).

Ich kann mich an kein Schriftwort, an keinen Gebetstext erinnern, der mehr meinem Herzen entsprungen und zugleich mehr zu Herzen gegangen sein könnte als dieser Psalm. 

Als Berater und Seelsorger weiß ich um das Helle und Dunkle im Leben und dass das Dunkle vor allem im Zwiespältigen, im Abgründigen und so eben oft als Krise in Erscheinung tritt. Hier aber nun selbst zu stehen — im Dunkel eines Nicht-Mehr und Noch-Nicht —, bedeutet, sich auf die Routinen des Alltags nicht mehr verlassen zu können, hindurch zu müssen durch diese finstere Schlucht. Es war der Schrecken einer Nachtmeerfahrt, die mir den Atem nahm … — um mich mir selbst zurückzuschenken.

Aus der Erfahrung, wie gefährdet und verletzlich das Leben ist, gewinne ich eine neue Wachheit für das Kleine und Unscheinbare, das Verborgene und darin oft Verwundete, für eine neue Dimension der Tiefe in meinem Leben. 

Zeige deine Wunde! 

„Zeige deine Wunde“ ist auch der Titel eines Schlüsselwerks in der Kunst von Joseph Beuys. Die Installation gilt heute als modernes Symbol für Krankheit und Schwäche, Alter und Sterblichkeit. Beuys verstand seine Installation als einen therapeutischen Raum, als „Krankenzimmer“, in dem er dem Betrachter seine eigene Wunde offenbaren und dabei gleichzeitig Heilung erfahren konnte.

Ich erlebe mein Krankenzimmer im Rückblick als einen ebenso therapeutischen wie heilenden Raum, als einen Begegnungsraum mit dem Göttlichen: hell und dunkel, angstvoll und mutig, kraftvoll und schwach. Gott ist’s, „der allen das Leben, den Atem und alles gibt (…); keinem von uns ist er fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir (…). Wir sind von seiner Art“ (Apg 17, 25; 27b-28).

Selbst die Gefahr in finsterer Schlucht … — sie ist von seiner Art. Mein Hindurchgehen ist mir zum Ausdruck eines Vertrauens geworden, dass es weitergeht, dass es einen Punkt gibt, auf den ich zugehe, auf eine Kraft, die meine Entwicklung steuert.

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Überarbeitete Fassung eines Textes, der in den Kirchenzeitungen der Verlagsgruppe Bistumspresse Nr. 26 vom 28. Juni 2020, S. 3, veröffentlicht wurde

Der Psalmbeitrag von Patrick Roth ist auf YouTube kostenlos abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=afJRhkaUdqw&feature=youtu.be

© 2020 Ludger Verst

… aus einem tieferen Grund!

„Ein altes Foto in meiner Hand
Als wir kaum wussten, wer wir sind“

heißt es zu Beginn und am Ende des Liedes „Die Reise“ von Max Giesinger, das wir gerade gehört haben. Und ich hab’s gleich selbst mal ausprobiert (ich zeige ein altes s/w-Foto von mir). Hier: Ich als Junge, so im Alter von 11 Jahren. Ich weiß noch, wann und wo dieses Foto gemacht wurde, aber was mich damals beschäftigt hat –, wer ich im Grunde meines Herzens damals war, das weiß ich nicht. Freunde, die dieses Foto sehen, sagen mir:

„Mensch, du siehst aber nachdenklich aus,
schon so nach innen gekehrt,
so ganz bei dir.“

Anfangs war ich überrascht; mittlerweile gefällt mir das. Oft wirkt man ja auf Fotos etwas gestellt. Man will gut aussehen, also muss man ein bisschen „posen“. Darin sind wir inzwischen richtig gut. 

Jetzt, hier, in dieser kleinen Feier, geht es darum eher nicht. Ein Gottesdienst ist zwar auch ein bisschen Show, aber keine, um gut rüber- oder beim andern gut anzukommen. Unser Gottesdienst bietet die Chance, eher nach innen zu schauen, um bei sich anzukommen. Gut ankommen bei sich, bei sich selbst, wann und wo gelingt uns das?

Dieser Gottesdienst zum Abschluss eurer Schulzeit ist, bevor ihr morgen euer Abiturzeugnis überreicht bekommt, so eine Gelegenheit: „Bevor jeder seine Wege geht“, noch einmal innezuhalten, um sich einen Moment lang nach innen zu kehren. Euer Leben verdient es.

„Die Zeit vergeht im Rückspiegel so schnell“, heißt es bei Max Giesinger. Ihr habt, wenn man die letzten acht Jahre hin zum Abitur betrachtet, eine erstaunliche Reise gemacht. Ihr könnt sie in diesem Augenblick gar nicht so schnell erfassen, geschweige denn, zurückverfolgen. Aber dies hier ist der Ort, an dem ihr — und auch wir Lehrer — sagen können: Ja, die Reise hat sich gelohnt: „Wir sind angekommen.“ Wir haben unser Ziel erreicht —, zumindest ein ganz wichtiges.

Durch wie viele Veränderungen seid ihr gegangen: in der Schule, in euren Familien — in euch selbst! Ihr werdet euch in Zukunft auf keiner Reise natürlicher und mehr und schneller entwickeln als in den zurückliegenden Jahren an der RHS. Innerlich und — vor allem äußerlich. Schaut euch eure eigenen Fotos an: Wie ihr euch verändert habt! Auch deshalb werdet ihr immer wieder an eure Schulzeit denken. Sie ist und war die Zeit der großen Veränderungen. 

Wer aber seid ihr, wer bist du auf deiner Reise durch 17, 18, 19 Jahre geworden? Was macht dich aus? Du trägst denselben Namen wie eh und je, du bist ein Kind deiner Eltern, du bist ein Schüler (jetzt ein früherer Schüler) von uns. Stimmt. Das ist alles richtig. Doch bei alledem bist du inzwischen ein großes Stück DU selbst geworden.

Mit Vier stellst du dir nicht die Frage, wer bin ich? Du wirst eher gefragt: Na, was willst du denn später mal werden? Mit Zehn stellst du dir nicht die Frage, wer bin ich? Du sagst dir eher: Mensch, so würde ich später gern mal sein. Aber jetzt, in diesem Alter, kommst du an dieser Frage nicht mehr vorbei:

Wer bist du?
Was weißt du über dich? Was weißt du genau?
Wo bist du verwurzelt — und nicht nur vernetzt?
Woran hängt so ganz und gar dein Herz?
Wie lautet das Passwort zu deinem Lebensentwurf?

Im einem Tagebuch fand ich letztens die Aufzeichnung eines Traums: 

„Wenn ein Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben. Nicht nur bestimmte Veranlagungen, sondern ein Wort. Und es ist wichtig zu wissen, was dieses Wort meint, was es mir sagen soll. Es wird hineingesprochen in das Wesen jedes neuen Menschen. Und es ist wie das Passwort zu allem, was dann geschieht. Es ist wie das Ticket zu deiner Lebensreise. Es ist Kraft und Schwäche zugleich. Es ist Schutz und Gefährdung. Alles, was dann im Gang der Jahre geschieht, ist Auswirkung dieses Wortes, seine Erläuterung und Erfüllung. Und es kommt darauf an, dass der Empfänger dieses Wort versteht und mit ihm ins Einvernehmen kommt.“

In diesem traumhaften Bild, das auf eine Tagebuchnotiz des Religionsphilosophen Romano Guardini zurückgeht, begegnet uns etwas Eigenartiges und zugleich Einzigartiges. Etwas, das jedem von uns innewohnt — im Herzen oder in der Seele, wie wir sagen. Es ist die göttliche Stimme. Diese innere Stimme, die sagt: Es gibt dich – aus einem tieferen Grund. Es ist eher ein Gefühl, als dass man diesen Grund gleich klar benennen könnte. Eine Unruhe, ein Getriebensein, eine Kraft im Verborgenen, die uns antreibt. Die dich ruft, ohne dass du gleich wissen musst, wo es langgehen soll. 

Das verstehe ich unter „Verwurzelt sein“
Es gibt mich, es gibt dich — aus einem tieferen Grund.

Nicht wegen deiner Leistung, nicht wegen deines Aussehens, nicht, weil du konsumieren sollst. Du bist verwurzelt im Göttlichen, im Unendlichen. Genau darum geht’s: Dir selbst und deiner inneren Stimme ein Ohr zu schenken, ihr zu vertrauen — um dieses Gefühl unbedingten Vertrauens.

Vertrauen verleiht Flügel.

Ur-Vertrauen, Gottvertrauen, Selbstvertrauen – egal. Wir können Angst und Zweifel und Unsicherheit in Vertrauen umwandeln, wenn wir auf die göttliche Stimme in uns horchen. Jeder von uns hat dieses göttliche Passwort in seinem Innern. Du musst es herausfinden. Du wirst es herausfinden. Der Plan, den Gott mit dieser Welt hat, baut auf Menschen, die ihrer inneren Stimme folgen.

So oder so ähnlich muss es auch Max Giesinger empfinden, wenn er singt:

„Ich spiel‘ hier meine Lieder und denk‘ an euch zurück
An alle unsre Träume, an jeden Augenblick
Egal, wo wir auch landen, es hat alles einen Sinn
Irgendwo führt jede Reise hin“.

Ansprache im Open-Air-Gottesdienst der Ricarda-Huch-Schule, Dreieich, anlässlich der Abitur-Entlassfeier am Donnerstag, 18. Juni 2020.

Den Song von Max Giesinger gibt es hier:

© 2020 Ludger Verst

Was bringt Telefonseelsorge?

Ergebnisse aus der Praxis

| Von Ludger Verst |

Seit vier Jahren bin ich Mitarbeiter in der Telefonseelsorge in Frankfurt. Vor allem nachts sitze ich oft am Telefon. Der Dienst beginnt um elf und geht bis um 9 Uhr am nächsten Morgen. Ich erlebe die seelische Not, die Menschen dazu veranlasst, ihre oft schmerzvollen Erfahrungen mit sich und ihrem Leben in anonymer Weise zur Sprache zu bringen. Mir ist in den zurückliegenden Jahren bewusst geworden, wie stark die Telefonseelsorge (TS) gerade auch von Menschen mit einer diagnostizierten psychischen Erkrankung in Anspruch genommen wird. In etwa einem Drittel aller Telefongespräche sowie Mail- und Chatkontakte wird dies zumindest so benannt. Auch die Vielzahl von Wiederholungsanrufen hat damit wohl zu tun. (1)

Die Zahl von Anrufenden mit psychischer Erkrankung zeigt darüber hinaus, dass es vielen trotz Medikamenten, Therapien und professioneller Begleitung nicht gelingt, ihr Leiden erfolgreich zu bewältigen oder zumindest lindern zu können. Die informelle (familiäre, freundschaftliche) wie professionelle Unterstützung scheint aus Sicht der Anrufenden vor allem emotional nicht ausreichend zu sein. Eine Gesellschaft, die Flexibilität, lebenslanges Lernen und individuelle Selbstverwirklichung zu zentralen normativen Orientierungen erhebt, stellt erhebliche Risiken für die erfolgreiche Gestaltung sozialer Beziehungen dar. So kann die insgesamt steigende Zahl der Diagnose Depression als Ausdruck einer mangelnden Balance von Belastungs- und Bewältigungsressourcen in spätmodernen Lebensverhältnissen verstanden werden. 

Angesichts der Fülle von Anrufen, in denen eine psychische Erkrankung benannt wird, ist es nicht verwunderlich, dass sich in vielen Gesprächen Themen wie „körperliches Befinden“, „Angst“, „Einsamkeit und Isolation“ sowie „Probleme in (Alltags-) Beziehungen“ miteinander verschränken. Wenn das soziale Umfeld keine schnellen Fortschritte sieht, erweist sich die Mittragebereitschaft bei persönlichen Dauerkrisen oft als begrenzt. Man reagiert mit Unverständnis. Dies verstärkt das Gefühl von Ohnmacht, sozialer Isolation und Einsamkeit der Anrufenden zusätzlich. 

Weitere Themen in den Gesprächen sind „Migration“, „Integration“, „körperliche und seelische Gewalt“, und — wenn auch weniger häufig — „sexualisierte Gewalt“, die meist in Zusammenhang mit familiären Beziehungen zur Sprache kommt. Äußerungen zur „Situation am Arbeitsplatz“ haben zum einen eine starke Verbindung mit psychischen Erkrankungen, zum anderen oft mit Alltagsbeziehungen zu tun. Auch „Arbeitslosigkeit“ und „Armut“ gehören zu den Standardthemen, während Gespräche über „Sinn, Glaube und Werte“ zwar insgesamt weniger vorkommen, dafür aber vor allem nachts einen größeren Raum einnehmen.

Betrachtet man die Palette an Themen, fällt einem sofort ihr Zirkelcharakter auf. Ein Thema verbindet sich mit dem anderen, und es ist unwichtig, welches als erstes aufgegriffen wird: Nach und nach folgen oft auch die anderen. Die Beratungen am Telefon bieten nun die Möglichkeit, innere Empfindungen im Resonanzraum der Telefonseelsorge zu verbalisieren und damit gleichzeitig zu externalisieren. Dabei geht es nicht um die Erreichung eines therapeutischen Behandlungsziels, sondern um eine „therapeutisch wirksame Beziehung“ (C. Rogers) zum Anrufenden, die durch Empathie, Echtheit und bedingungslose positive Wertschätzung gekennzeichnet ist.

Eine Untersuchung von Walburga Hoff und Christiane Rohleder (2) fragt danach, inwieweit sich in den subjektiven Anliegen, die in den Gesprächen am Telefon artikuliert werden, ein Nutzenprofil der TS-Arbeit und ein Zusammenhang mit bestimmten gesellschaftlichen Herausforderungen widerspiegeln könnte.

Hier die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Als nahezu einzige bundesweit verfügbare niedrigschwellige Anlaufstelle für Ratsuchende leistet die TS einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag allein dadurch, dass sie als soziales Gegenüber fungiert.
  • Telefonseelsorge bietet Menschen eine situative Zufluchtsstätte, ein zwischenzeitliches Asyl in Form eines Kommunikationsangebots „unter Gleichen“. Sie kompensiert das Bedürfnis nach Kontakten, die in der Patienten- oder Klientenrolle offenbar nicht oder nur unzureichend gestiftet werden, indem die Betroffenen in der TS „eine persönlich empfundene Sorge erleben“ (3).
  • Für die große Mehrheit der Anrufe lassen sich Anliegen identifizieren, die aus Individualisierungsprozessen in Kombination mit erhöhten Anforderungen an Reflexionsfähigkeit, Selbstmanagement und Selbstoptimierung resultieren. Allerdings suchen die Anrufenden meist keine Lösungen, sondern vor allem eine Entlastung für ihren emotionalen Überschuss. (4)
  • Die Untersuchungen zum Gesprächsverhalten zeigen, dass Anrufende in der TS ihr Bedürfnis nach Entlastung und Erlösung gerade an Vertreter_innen einer Institution richten, die sich von ihrem Beratungsauftrag her auf eine religiöse Dimension berufen, nämlich Menschen grundsätzlich Gottes Gnade und Heil zuzusprechen. Auch wenn die theologische Ebene der Gespräche kaum direkt thematisiert wird und für die meisten der Anrufenden nur von geringer Relevanz ist, spielt die Bedeutung christlich orientierter Beratung und Seelsorge unbewusst eine Rolle. (5)
  • Es erweist sich für die Arbeit in der TS als essenziell, hinter den vielfältigen Themen und Anliegen der Anrufenden tieferliegende Sinnfragen zu erkennen. Die Untersuchungsergebnisse zeigen die Auseinandersetzung mit dem Leiden an den persönlich erfahrenen Grenzen sowie die Sehnsucht nach Ganzwerdung und Befreiung von inneren Blockaden. In dieser Thematisierung des Selbst offenbart sich aus religionssoziologischer Perspektive eine religiöse Komponente. (6)
  • Dies verdeutlicht noch einmal die Mehrdimensionalität des telefonischen Beratungsgesprächs. Es bleibt neben dem Spektrum therapeutischer und quasi-therapeutischer Methoden auf eine hermeneutische Deutungskompetenz angewiesen, die die persönlichen Erfahrungen der Anrufenden in einen den Alltag übergreifenden, Sinn stiftenden Kontext stellt.

Anmerkungen:

(1) Am Ende eines jeden Telefongesprächs oder Mailkontakts erstellt der/die Beratende ein kurzes, standardisiertes Gesprächsprotokoll. Auf der Grundlage solcher Dokumentationen lassen sich statistische Angaben zu Themenschwerpunkten sowie zu Entwicklungen und Besonderheiten der TS-Arbeit machen.

(2) Eine gekürzte Fassung des Abschlussberichtes ist bereits erschienen in: Walburga Hoff, Christiane Rohleder: TelefonSeelsorge als Beratungsangebot in einer pluralisierten Gesellschaft – Anliegen und Bewältigungsstrategien, PTh 108 (2019), 338-364.

(3) Hoff/Rohleder, 349

(4) Vgl. ebd., 349

(5) Vgl. ebd., 361

(6) Vgl. ebd., 363

© Ludger Verst (2020)

Segen vom Landschaftsgärtner

Stellen Sie sich vor:

Unwegsames Gelände.
Wasserloses Land.
Keiner, der hier hinwill.
Ein Un-Ort, genannt:
Gerasa

(Was …? — Wie …?)

Vor zweitausend Jahren — dieser Mensch da, der aussteigt … am andern Ufer.
Ja, steigt aus dem Boot. Und ein anderer — da! — kommt ihm entgegen.

Merkwürdig.
Kommt von den Gräbern da oben.
Der schreit ja.
Unglaublich!
Man hat ihm Handschellen angelegt, ihn gefesselt.
Man sollte ihm auch einen Maulkorb verpassen.
Ja, was der sagt, geht gar nicht!
Der ist so ganz anders, aber …
… lässt sich nicht den Mund verbieten.

Ich will dir was sagen: Der passt nicht zu uns.

…………

Und der andere, der da kommt vom Ufer, sagt:

„Wie heißt du?“
„Wer bist du?“
„Du fällst mir auf.“
Erzähl mir von dir!“

……….

„Mein Name ist Legion.“
Sein Name ist „Religion“?
„Ich …, wir sind viele. Viele Stimmen sind wir … in mir.“

… Schüler …
… Lehrer …
… Pädagogin …
… Referentin …
… diverse Rollen …
… Genie und Wahnsinn …
… Angst und Schrecken …
… Klassenclown und Klassensprecher …
… Schulleiterin und Schulverweigerin …
… Fachleiter …

… leider, leider … — mal dies, mal das! —

………..

Und dieser Andere,
der fragt,
„Wer bist du?“
und sagt,
„Du fällst mir auf“,
der ist ihm ganz zugeneigt … — und spricht:

„Wo die Neurosen wuchern, will ich gern Landschaftsgärtner sein.“

Ich bin bei dir.
Ich, selbst mit einem Gärtner verwechselt, weiß,
dass du blühen wirst,
weil es dich gibt,
bist du gesegnet,
wirst du gesegnet sein.
Und wirst vielen selber Segen sein
.

………

Seien Sie alle hier … gesegnet
im Namen des + Vaters
und des + Sohnes
und des + Heiligen Geistes.

Und der Segen unseres Gottes möge Sie begleiten
… auf Ihren alten …
… und auf Ihren neuen Wegen …
… werden Sie anderen ein Segen sein.

© Ludger Verst (2019)

Text des Schlusssegens auf dem religionspädagogischen Fachtag des Dezernats Bildung im Bistum Mainz Du fällst mir auf! — Menschen stärken“ am 04.09.2019 in der Akademie Erbacher Hof

Die Wahrheit des Mythos

| Von Ludger Verst |

Ein erheblicher Zwiespalt zeitgenössischer Kultur besteht in ihrem Verständnis von Realität. Als ›Realität‹ gilt gemeinhin das, was sich als Ergebnis „objektiver“, wissenschaftlicher Erkenntnis herausstellt, obwohl zugleich festgestellt werden muss, dass das alte, so genannte „mythische Denken“ keineswegs untergegangen ist. Verglichen mit der Wissenschaft, die auf Vernunft und Beweis, Überprüfung und Exaktheit beruhe, wird das Mythische als Überrest einer dunklen, von Furcht und Aberglauben beherrschten Zeit betrachtet, das seinen Platz allenfalls noch in Fabeln und Märchen zugestanden bekommt.

Eine so verstandene ›Entzauberung‹ der Welt gibt allerdings schon länger nicht mehr nur Anlass zu emanzipatorischer Euphorie, sondern erweckt bei vielen durchaus auch einen beklemmenden Eindruck. Man sieht sich, so scheint es, einer unaufhaltsam anonymer werdenden technologischen Entwicklung ausgesetzt, die alles Nicht-Planbare, Nicht Messbare und damit Unkontrollierbare zu vermeiden oder in ständig zu optimierenden Prozessen und Systemen zu minimieren versucht.

Mythos und Wissenschaft sind menschliche Entwürfe.

Was dabei übersehen wird, ist, dass auch der Geltungsanspruch des empirisch-wissenschaftlichen Denkens sich letzthin dem metaphysischen Erbe verdankt und die vermeintliche Überlegenheit des wissenschaftlichen Erkennens sich bei genauerem Hinsehen als Trugschluss erweist. Beide, Wissenschaft und Mythos sind nichts anderes als menschliche Entwürfe, historisch kontingente Formationen. Sie verfolgen das Ziel, die Wirklichkeit in einen durchgehenden realistischen Zusammenhang zu bringen, logisch abgeleitet aus hypothetisch gesetzten Prinzipien.

Der Philosoph Kurt Hübner hat in seinem Alterswerk Glaube und Denken“, das bereits 2001 erschien, diesen Zusammenhang auf überzeugende Weise untersucht. Sein Vergleich von mythischem und wissenschaftlichem Weltverständnis zeigt, dass es sich hier um grundlegend verschiedene, aber wider Erwarten gleichberechtigte Vorstellungen von ›Wirklichkeit‹ handelt.

Offenbarung und Vernunft

Theologisch interessant dabei ist, dass Hübner, der sich zeitlebens vor allem mit Fragen der Wissenschaftstheorie, des Mythos sowie der Kunst- und Musiktheorie beschäftigt hat, nicht nur zentrale Kategorien und Strukturen des christlichen Offenbarungsglaubens beschreibt, sondern diese auch mit den Denkstrukturen der Naturwissenschaften anschaulich zu konfrontieren versteht, sodass der tiefere Zusammenhang von Offenbarung und Vernunft deutlich wird.

Hübner zufolge gebe es ebenso wenig eine empirische Widerlegung der mythischen Ontologie wie es eine empirische Begründung der wissenschaftlichen Ontologie gebe. Es bestehe vielmehr ein analoger Zusammenhang. So wie die Wissenschaften die Welt mit Hilfe von Naturgesetzen erklärten, so erkläre der Mythos dieselben Vorgänge, indem er sie auf ein heiliges Urgeschehen zurückführe. Den Naturgesetzen in der Naturwissenschaft entsprächen im Mythos die „Archaí“, die Ursprungsgeschichten. Der Mythos unterscheide – im Gegensatz zur Naturwissenschaft – nicht den allgemeinen Begriff von dem ihn repräsentierenden Gegenstand; für ihn bildeten im Gegensatz zur Naturwissenschaft das Ideelle und das Materielle eine unlösliche Einheit. Alles Ideelle nehme gleichsam materielle Gestalt an.

Wann immer und wie immer sich nun Gott oder Göttliches in der Welt zeige und für den Menschen sinnlich erfahrbar werde, geschehe dies in der Form des Mythischen. Anhand der beiden aus der biblischen Paradiesgeschichte bekannten Bäume, dem Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis (vgl. Genesis 2,9) werde symbolisch darauf verwiesen, dass der Logos des Offenbarungsglaubens den Mythos mit einbeziehe und ihn zugleich transzendiere. Im Logos der Metaphysik gründe eben auch das wissenschaftliche Denken, auch und gerade noch in seinen letzten antimetaphysischen Konsequenzen. So sei der Versuch einer Entmythologisierung des Christentums ebenso zum Scheitern verurteilt wie der theologische Versuch, den christlichen Glauben wissenschaftlich zu begründen oder zu widerlegen.

Weder Lehramt noch Theologie können bestimmen, was Menschen glauben.

Hier zeigt sich nun, dass die Krise der Kirche(n) nicht nur oder gar in erster Linie eine Krise der Strukturen ist wie etwa der Unbeweglichkeit ihres klerikalen Apparats, sondern vor allem eine „Krise der Repräsentation“. Sie ist symptomatisch für das Dilemma, vor dem wir jetzt in potenzierter Form und geradezu ratlos stehen. Denn der Versuch fortwährender dogmatischer Immunisierung gegen jede Form von Einspruch und (System-)Kritik offenbart das immer noch tiefsitzende antimodernistische Trauma des kirchlichen Lehramtes, das offensichtlich nicht nur noch längst nicht überwunden ist, sondern dessen Wurzeln noch viel weiter, nämlich bis ins 12. Jahrhundert hinein zurückzuverfolgen sind. Gemeint ist der erkenntnistheoretische Bruch durch den NOMINALISMUS, wonach religiöse Zeichen die mit ihnen bezeichneten Sachverhalte nicht mehr verlässlich zu repräsentieren vermochten. Schon damals wurde der Kirche praktisch der Boden entzogen, Gott in der Welt verlässlich repräsentieren zu können. Im 16. Jahrhundert versuchte die REFORMATION das alte Bild- und Symbolprogramm durch ein „sola scriptura“ abzulösen und so zumindest zu den geistlichen Quellen zurückzuführen und zu retten, was noch zu retten war. Eine enorme Innovation, unterm Strich jedoch ebenso ein „Verlustgeschäft“.

Die Versuche der Kirche, Gott in den Sakramenten „dingfest“ zu machen, waren und sind ebenso brüchig wie die, Gott im biblischen Text fixieren zu wollen. Weder die Lehre von der Transsubstantiation der Elemente in der Eucharistie noch die Lehre von der Irrtumsfreiheit der Schrift konnten verlorengegangene Gewissheiten zurückbringen. Auch der Versuch im 19. Jahrhundert, Gewissheit durch eine Lehre von der Unfehlbarkeit zu sichern, hat sich als untauglich erwiesen. Weder die Lehre von der „Unfehlbarkeit des Papstes“ noch die Lehre von der „Unfehlbarkeit der Schrift“ konnten den Bruch in der religiösen Erkenntnis heilen.¹

„Erkennen, wie uns Gott fehlt“

Dies ist die Krise, um die es geht: Die Theologie hat die Rolle als autoritative Leserin der „Welt als Buch Gottes“ verloren. Gott kann in der Welt nicht mehr verlässlich repräsentiert werden. Ein neues Verhältnis zum Mythischen, zum Unbewussten und Traumhaften scheint erforderlich. „Wir müssen uns eingestehen, dass wir unter einem Gottesentzug beziehungsweise unter einem Sprachverlust leiden. Wir brauchen eine Theologie der Krise, die in der Brüchigkeit der menschlichen Erkenntnis (…) jenem Wehen des Heiligen Geistes lauscht, das uns erkennen und sagen lässt, wie uns Gott fehlt. Denn anders werden wir den Gottesglauben nicht mehr zur Sprache bringen können.“²

Wie aber soll das Fehlen Gottes Menschen sprach- und glaubensfähig machen? Indem sie in Objektivierbarem und Lehrhaftem Gott nicht länger als anwesend voraussetzen. Die Wahrheit des Gottesglaubens offenbart sich nicht in der Übereinstimmung einer a priori gesetzten Glaubenslehre mit der Erfahrungswirklichkeit bestimmter religiöser Subjekte, sondern in jener Unverborgenheit, griechisch „a-letheia“, in der einem Subjekt das allererst und zutiefst Wirkliche als Gott oder Göttliches von sich aus in Erscheinung tritt. Die Vernunft des Religiösen zeigt sich in dem menschlichen Vermögen, auf der Grundlage logischen Denkens sich dem Göttlichen zu öffnen und ihm glaubhaft nachzuspüren.

____________________

¹ Vgl. Peter Scherle: Werte liefern, das können auch andere, in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/zukunft-der-volkskirchen-werte-liefern-koennen-auch-andere-15885445.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0 (12.11.2018)

² Ebd. (Hervorh. von mir)

© 2019 Ludger Verst

Kompetent – flexibel – angepasst

|Eine Buchbesprechung von Ludger Verst|

Spätestens seit den 2000er Jahren zeichnet sich die steigende Bedeutung von Bildung im Maße des Voranschreitens von Globalisierungsprozessen ab. Das hat zum einen mit der Notwendigkeit zu tun, Verständigungsprobleme im ökonomischen und politischen Rahmen möglichst klein zu halten, wofür Bildung – von Sprachkompetenz bis hin zu kulturellem Wissen – die Voraussetzung ist. Andererseits bekommen formale institutionalisierte, d.h. möglichst wenig dem Zufall überlassene Bildungsprozesse eine steigende Bedeutung angesichts der Tatsache, dass die Selbstverständlichkeit eingespielter Handlungsroutinen und kultureller Orientierungen wegbricht. In der Zukunft liegende oder räumlich weit entfernte Handlungsfolgen können nicht mehr intuitiv oder mithilfe traditionellen Wissens erschlossen werden, sondern setzen höherstufige, kognitive und technische Fähigkeiten voraus. Auf die inzwischen unüberschaubar gewordene Komplexität von Welt-Erfahrung sind wir evolutionär, mental und politisch schlecht vorbereitet.

Es ist das Verdienst des Arbeitskreises ReligionslehrerInnen am Institut für Theologie und Politik (ITP) in Münster/Westf., solche weithin subjektlos gewordenen Bildungsprozesse in ihren Mechanismen und bildungspraktischen Auswirkungen nicht nur analysiert, sondern aus befreiungspädagogischer Perspektive auch einer umfassenden Kritik unterzogen zu haben. Kritisiert wird z.B., dass lokale Lebenswelten zusehends aus ihren historisch gewachsenen Zusammenhängen gerissen werden, um sich in globaler Konkurrenz als nützliche Quelle zur Gewinnung von Kapital, insbesondere von Humankapital, beweisen zu müssen. Auf seine weitreichenden pädagogischen Auswirkungen hin durchdacht wird dies in einem lesenswerten Buch von Andreas Hellgermann, das unter dem Titel „kompetent. flexibel. angepasst.“ die seit 2006 betriebene EU-/OECD-Bildungspolitik als neoliberale Bildungsideologie enttarnt und ihr mit Paulo Freire eine Didaktik entgegenstellt, die nicht das Ökonomische, sondern „das Politische als konstitutiv für jeden Prozess des Lehrens und Lernens“ (113) reklamiert.

Wer sich im Zuge der fortschreitenden Arbeitsverdichtung im Schulalltag die Frage nach der Funktion von Bildungsstandards und Kompetenzrastern stellt, wird Hellgermanns „Kritik neoliberaler Bildung“ als eine wohltuende Klärung empfinden, da nicht nur (Funktions-) Wissen, sondern gerade auch Werthaltungen und Einstellungen wie Autonomie, Emanzipation und Solidarität als gültige Kategorien für schulische Bildung wieder stärker in den Blick genommen werden. Während das neoliberale Bildungsparadigma den europäischen Idealbürger mit unternehmerischer Kompetenz als Schlüsselkompetenz ausgestattet sieht — Kenntnisse, Fähigkeiten, Kompetenzen ermöglichen die Erzeugung persönlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Wohlergehens (vgl. OECD 2001/2002) — geht eine politische Didaktik in befreiungspädagogischer Absicht einen dialogischen, „problem-formulierenden“ Weg. Hellgermann zitiert den brasilianischen Reformpädagogen Paulo Freire, dessen Ansatz von Bildungsarbeit Mitte des letzten Jahrhunderts im Zuge einer Alphabetisierungskampagne, also zunächst außerhalb der Schule entstand: „In der problemformulierenden Bildung entwickeln die Menschen die Kraft, kritisch die Weise zu begreifen, in der sie in der Welt existieren, mit der und in der sie sich selbst vorfinden. Sie lernen die Welt (…) als eine Wirklichkeit im Prozess sehen, in der Umwandlung“ (120). Auch und gerade in der Schule gehe es nämlich nicht um den Erwerb sozialer oder ökonomischer Funktionalität oder um die Übernahme bestimmter Verhaltensweisen. Man lebe nicht, um irgendwann auf die Bewältigung zugedachter Situationen vorbereitet zu sein. Es gehe vielmehr um die Bedeutsamkeit von (Selbst-) Erkenntnis; es gehe um neue Lern- und Lebensformen, die schon hier und jetzt einen befreienden Charakter haben könnten, denn „Methode“ meint bei P. Freire „nicht das, was als zu gehender Weg und damit als zu lernendes Verhalten vorgegeben wird. Die Methode selbst ist Teil des Lernens, der Weg, der als zu gehen erkannt und erarbeitet werden muss“ (123). Die Begrenzung einer Situation sei nie zwingend die Grenze meiner Handlungsmöglichkeit.

Der Gewinn der Lektüre besteht in der aus religionspädagogischer Sicht ermutigenden Kritik eines weithin in ökonomisches Denken verstrickten Schul- und Bildungssystems. Gerade die Religionspädagogik könnte ihren schulischen Auftrag nicht zuletzt als einen befreiungspädagogischen Beitrag zu einer verantwortungsvoll gestalteten (Welt-) Gesellschaft verstehen, in der der Blick für das Ganze des Menschlichen gewahrt wird, gewissermaßen von außen. Denn auch Lehrende und Lernende sollten das Setting, in dem sie einander begegnen, selbstkritisch zur Diskussion stellen können. Nur so wird es möglich sein, Situationen sowohl als Ganzes, als auch als Teil eines Ganzen verstehen zu lernen.

Andreas Hellgermann. kompetent. flexibel. angepasst. Zur Kritik neoliberaler Bildung. Edition ITP-Kompass, Bd. 25, Münster 2018. 180 S., 14,80 EUR

Die Buchbesprechung ist inzwischen auch in der religionspädagogischen Zeitschrift des Bistums Mainz RU heute, Jg. 47, Heft 1, Juni 2019, S. 49 erschienen.

© 2019 Ludger Verst

Apropos Moral …

Anmerkungen zu Ratzingers subtilem Böckle-Bashing

| Von Ludger Verst |

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Auch eine Woche nach den gefeierten wie gleichermaßen für entsetzlich gehaltenen Offenbarungen des emeritierten Papstes schlagen die Wellen hoch. „Macht und leere Floskeln“ zeigten seine Auslassungen zum Thema „Sexueller Missbrauch“, so jüngst der Dogmatiker Michael Seewald in der Frankfurter Rundschau. Wo von der Sache her Verantwortung gefragt sei, beginne Benedikt das große Lamentieren.

Wie sehr sich die „Kirche Benedikts“ inzwischen in einem von der Wissenschaft entkoppelten Sonderdiskurs eingerichtet hat, zeigt süffisanterweise gerade eine Randnotiz des Benedikt-Textes, und zwar wo der Schreiber einen wohlgesetzten Seitenhieb auf den früheren Bonner Moraltheologen Franz Böckle platziert und diesen so ins Lächerliche zieht:

„Unvergessen bleibt mir, wie der damals führende deutsche Moraltheologe Franz Böckle, nach seiner Emeritierung in seine Schweizer Heimat zurückgekehrt, im Blick auf die möglichen Entscheidungen der Enzyklika „Veritatis splendor“ erklärte, wenn die Enzyklika entscheiden sollte, daß es Handlungen gebe, die immer und unter allen Umständen als schlecht einzustufen seien, wolle er dagegen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften seine Stimme erheben. Der gütige Gott hat ihm die Ausführung dieses Entschlusses erspart; Böckle starb am 8. Juli 1991.“

Die rüde Formulierung zeigt: Für Sachverhalte, die nicht ins Raster passen, fehlt offensichtlich nicht nur die Sprache, sondern auch ein reflektierter Umgang. Böckles Grundlagenwerk „Fundamentalmoral“, 1977 erschienen, passt nicht in das Schema einer grundsätzlich naturrechtlich argumentierenden Theologie, da es eine anthropologisch gewendete Moral vertritt. Böckle hatte naturrechtliches Denken und Schließen nie per se verurteilt, sondern seinen Ansatz als zeitgenössische „Auslegung des Glaubens im Medium der Ethik“ dagegengestellt.

Der K(r)ampf der Kirche gegen die „Antibabypille“

Der Böckle-Seitenhieb dürfte darüber hinaus eine späte Abrechnung mit dem in das Gesamtbild eines Moral- und Sittenverfalls passenden Theologen in den 1960er Jahren sein. Während die römische Kirche die damals aufkommende „Antibabypille“ vehement als widernatürlich und sündhaft verdammte, lehrte Böckle, künstliche Empfängnisverhütung gehöre zur Natur des Menschen und könne unter Umständen durchaus geboten sein. Mit den Prinzipien von Vernunft und Liebe ging er später auch an die Probleme von Gentechnik und Fortpflanzungsmedizin. „Papst und Bischöfe ließen den in der Form stets verbindlichen Theologen selbst ungeschoren, verhinderten jedoch nahezu systematisch, daß Böckle-Schüler auf frei gewordene Uni-Lehrstühle nachrücken konnten“ (Der Spiegel vom 15.07.1991).

Böckles Entwurf ergibt sich im Prinzip aus dem Zusammenhang, dass sich der Mensch im Zuge der neuzeitlichen „Wende der Vernunft nach außen“ als Subjekt zu begreifen beginnt, dem die Erkenntnis und Gestaltung der Wirklichkeit selbst überlassen ist. Das neuzeitliche Subjekt kann der ihn tragenden gesellschaftlichen und so eben auch kirchlichen Realität mit ihren Normen und sozial übergreifenden Systemen keine von seinem Subjektstatus mehr unabhängig zu definierende sittliche Vernunft zubilligen. Vielmehr erschließt sich ihm diese erst aus deren Zuordnung zum Menschen als Person: „Ursprung, Träger und Ziel aller sozialen Institutionen ist und muss sein die menschliche Person“ (Gaudium et spes, Nr. 25). 

Für eine Ethik sozialer Strukturen

Es gibt nicht nur gutes und schlechtes Handeln im Hinblick auf gegebene Normen. Gut oder schlecht können auch die dieses Handeln regelnden Normen und Institutionen selbst sein. Dafür gibt es ja in der Geschichte der Kirche genügend Beispiele. Damit aber sieht sich der Mensch nicht nur in Gehorsamsverantwortung vor (kirchliche) Normen gerufen, sondern ebenso auch in Gestaltungsverantwortung für sie. Eben darin liegt zugleich eine entscheidende Ausweitung der ethischen Frage überhaupt.

Solange Wert und Würde des Einzelnen auf der sozialen Ebene wesentlich von der Eigenfunktion gegebener sozialer Strukturen her ausgelegt wurden, wie dies für ein vorneuzeitliches Gesellschaftsverständnis zutraf, solange konnte sich die ethische Frage notwendig nur als Frage nach der humanen Gestalt von strukturgemäßen Verhaltensformen und darin vorauszusetzenden generellen Tugenden stellen. Ethik blieb hier wesentlich Tugendethik; als solche sind bekanntlich selbst die großen systematischen Ethiken der Antike und des Mittelalters angelegt. Spätestens jedoch mit dem Zusammenbrechen der mittelalterlichen Einheitswelt in der Reformation und den nachfolgenden Religionskriegen und dann nochmals zugespitzt mit der weitgehenden Auflösung innergesellschaftlicher Ordnungen in den Umbrüchen des 19. Jahrhunderts wird deutlich, dass die Frage menschlicher Selbstaufgegebenheit sehr viel fundamentaler anzusetzen ist, als sich dies vorher erkennen ließ. Ethik musste über ihre Aufgabe und ihr Verständnis als Tugendethik hinausgelangen, sie musste zugleich „Sozialstrukturenethik“ (F. Böckle) werden. Der Mensch muss sein Leben führen, er muss sich auf Stimmigkeit hin entwerfen. Hierzu muss er sich staatliche, wirtschaftliche, soziale und zwischenmenschliche Ordnungen schaffen, die dem gerecht werden. 

Die Zumutung heißt: Autonomie

Hier liegt der entscheidende Unterschied zur Position Benedikts. Es zeigt sich, dass der Theologe Ratzinger die notwendige anthropologische Wende der Theologie nie wirklich und ernsthaft vollzogen hat — trotz seiner brillanten „Einführung in das Christentum“. Die neuzeitlich vorauszusetzende moralische Autonomie — und damit ist das entscheidende Stichwort genannt — erweist sich am Ende gerade nicht als Ausfluss einer 68er-haften Selbstanmaßung, sondern als Ausdruck menschlicher Selbstannahme als Vernunfts- und Freiheitswesen, ohne den der Anspruch seiner unveräußerlichen Würde als moralisches Subjekt, als Person, nicht sinnvoll gedacht und in den Strukturen selbst geltend gemacht werden kann. 

Diese Position, die für Böckle kennzeichnend ist, gilt es nun eben nicht lächerlich zu machen, sondern ernstzunehmen, wenn man am gesellschaftlichen Diskurs über den Missbrauch katholischer Geistlicher selbstkritisch teilnehmen und dabei vor allem die eigenen systemspezifischen blinden Flecken nicht ausblenden will. Angesichts der ungezählten Missbrauchsopfer klerikaler Gewalt wäre Verantwortung zu übernehmen und nicht an einer säkularen Verfallstheorie von Sitte und Moral zu basteln, durch die sich die Kirche dem entzieht, wofür gerade viele Amtsträger verantwortlich sind.

© 2019 Ludger Verst

Das Glück des Augenblicks

| Von Ludger Verst | 

Ich bin in der S-Bahn. „Frankfurt-Flughafen, Regionalbahnhof“. Eine Reihe neuer Fahrgäste steigt zu. Mit Koffern und Taschen bahnen sie sich ihren Weg zu den letzten freien Plätzen. Auch eine junge Frau. Kaum sitzt sie und hat die Sachen abgelegt, holt sie ihr Handy heraus. (Naja, nicht anders als ich.) Und weil sie in der Reihe links vor mir sitzt, sehe ich, wie sie auf dem Handy den Foto-Ordner öffnet und sich gleich in ein Bild vertieft: Ein Mädchen sehe ich. — Ihre Tochter? Mama auf Reisen und ihr kleines Mädchen zu Hause? Ich will eigentlich nicht neugierig sein, aber dann zieht die Frau das Foto auf dem Handy ganz groß. Das Mädchen schaut ihr förmlich ins Gesicht und die Frau lächelt es an — so liebevoll, als säßen sie einander gegenüber. Was für eine wunderbare Begegnung in diesem Augenblick! Noch lange schauen beide sich an.

Ich habe diesen berührenden Eindruck mit in meinen Arbeitstag genommen. Und jetzt fällt er mir wieder ein. Denn angesichts von Weihnachten geht es ja um eine ganz ähnliche Begegnung. Und um ein Kind. Um eine göttliche Begegnung in einem Kind. Das feiern Christen ja an Weihnachten: Gott ist ein Menschenkind mitten unter uns. Kaum zu glauben. Es kommt zusammen, was vielen fernliegt und doch zusammengehört. Wie bei Frau und Kind in der Frankfurter S-Bahn. Was auf den ersten Blick getrennt erscheint —, bei genauerem Hinsehen gehört es zusammen.

Als Berater am Telefon mache ich zunächst und leider manchmal auch durchgängig Fremdheits- und Getrenntheitserfahrungen. Hier gehört erst einmal nichts oder zumindest nicht viel zusammen. Zwischen Ratsuchendem und Berater und eben auch in der Lebenssicht des Ratsuchenden selbst. Kein Gott greift ein und führt etwas zusammen, bevor wir auflegen.

Und doch: In der Krisen- und auch in der Telefonseelsorge erlebe ich Menschen, die in belastenden Situationen daran glauben, dass ihnen geholfen werden kann. Es gehört offensichtlich zu den natürlichen Heilungskräften in uns, dass gerade dort, wo herkömmliche Methoden der Bewältigung und Heilung an ihre Grenzen stoßen, sich innere Potenziale als ungeahnte Kraftreserven bemerkbar machen.

Wann immer das passiert, wird das Vertrauen in die inneren Selbstheilungskräfte, ohne die weder Therapie, Beratung, noch Seelsorge wirken könnten, neu belebt. Man könnte sagen: Diese Menschen ziehen ihr über weite Strecken verschüttetetes Bild vom Unverwüstlichen und Guten in sich wie bei einem Bild auf dem Smartphone mit einem Mal groß, sodass es Lebensgröße bekommt und neue Lebensrelevanz erhält. Das Verblüffende ist: In dem Maße, in dem ich dieses Vertrauen in die innere Kraft eines Ratsuchenden selbst spüre und erlebe, wirkt das Geschehen, in das unser Gespräch eingebettet ist, verändernd und heilsam. Es ist dieser unverfügbare Moment eines kleinen Glücks, in dem Gott — so glaube ich — menschliche Gestalt annimmt: in diesem Leidenden und auch in mir. Ein Augenblick in Gottes Angesicht.

Dieser Beitrag wurde zuerst in 24/7, der Zeitschrift der TelefonSeelsorge Deutschland | Ausgabe 6 / Dezember 2018 – März 2019 | S. 25 | veröffentlicht.

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© 2018 Ludger Verst