Liebe leben

| Von Ludger Verst |

Wir sollten auch die Toten lieben
Als unsere Nächsten
Lieben wie uns selbst.

Die Toten aber schweigen.
Wortlos ist ihre Gegenwart
Und unsichtbar ihr Sinn.

Wie Liebe.
Ohne Worte eben
Ein Leben ohne Spiegelung.

Was sie, die Toten, sagen?
Dass wir nicht tot sind.
Dass wir leben
Wo wir lieben
Schon vor dem Tod
Zum Leben ewig auferstehen.

Jetzt ist die Stunde.
Jetzt ist die Zeit.

Der Tod macht den Augenblick zur Ewigkeit.

Foto |  Marc Chagall: Traum der Liebenden (1962)  |  © 2018 INTERFAITH
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Michelangelo goes Facebook

Notizen eines Gesprächs |

„Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn“ (Gen 1, 27).

In der Episode der Erschaffung des Menschen, wie sie als Ausschnitt aus dem Deckenfresko Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle weltberühmt wurde, ist die göttliche Fingerberührung der kompositorische Dreh- und Angelpunkt. Durch die Berührung soll der göttliche Lebensatem auf „Adam“ (hebräisch: Erdling, Mensch) übertragen werden. Gott ist schwebend dargestellt; er wird von Engeln gestützt und ist in einen muschelartig gewölbten Umhang gehüllt. Er wendet sich Adam zu, der ihn wie ein ruhender Modellathlet erwartet. Das Wort aus Genesis 1, wonach der Mensch als Abbild Gottes geschaffen ist, soll durch die zeitlose Schönheit Adams offensichtlich unterstrichen werden.

Ulrich Sander: Johannes Paul II. hat den Bildern der Sistina eigene Gedichte gewidmet. Für mich ist dieses Bild die visuelle Transportation eines biblischen Narrativs in antik-heidnische Ästhetik. Ich erkenne die Bibel nicht mehr. Ich sehe Zeus und einen antiken Heroen. Große Kunst, aber keine Verkündigung des Evangeliums durch Kunst.

„Krise der Repräsentation“

Ludger Verst: Es war der letzte vollmundige Versuch einer Wiederbelebung kultureller Vorbilder aus der griechischen und römischen Antike, ohne eigentlich eine neue Übersetzungsarbeit zu leisten. Symptomatisch für das Dilemma, vor dem wir in potenzierter Form und — im Unterschied zum 15./16. Jahrhundert — jetzt geradezu ratlos stehen. Damals versuchte die Reformation das alte Bildprogramm durch ein „sola scriptura“ abzulösen und so zumindest zu den geistlichen Quellen zurückzuführen, um zu retten, was noch zu retten war. Eine enorme Innovation. Aber unterm Strich auch ein „Verlustgeschäft“. Peter Scherle nennt dies im Anschluss an Michel de Certeau eine „Krise der Repräsentation“. Gott lasse sich in dieser Welt nicht verlässlich repräsentieren: „Wir müssen uns eingestehen, dass wir unter einem Gottesentzug beziehungsweise unter einem Sprachverlust leiden. Wir brauchen eine Theologie der Krise, die in der Brüchigkeit der menschlichen Erkenntnis (…) jenem Wehen des Heiligen Geistes lauscht, das uns erkennen und SAGEN lässt, WIE uns Gott fehlt. Denn anders werden wir den Gottesglauben nicht mehr zur Sprache bringen können.“¹ Dem möchte ich ohne Einschränkung zustimmen.

Die weibliche Seite Gottes

Jutta Josefine Eckes: Noch ein anderer Gesichtspunkt. Unter dem Arm des Schöpfers ist eine Frau zu sehen, die „mit gemischten Gefühlen“, etwas furchtsam auf Adam blickt. Einige Kunsthistoriker sind der Auffassung, dass es sich bei ihr um die noch zu erschaffende Eva handelt. Um mit Prince zu sprechen: „In a deep sleep I fell and the music starts to swell, one of my ribs he took and it shall be bone of my bones …“²

Ludger Verst: Ja, den weiblichen Aspekt in dem abgebildeten Geschehen finde ich wichtig. „In a deep sleep“: Adam erträumt sich im Schlaf seine „Traumfrau“. Eine Steilvorlage für den kreativen Verbund von Tiefenpsychologie und Kunst. Auch der muschelartige Umhang des „Schöpfers“ ist für mich eine Anspielung in diese Richtung, nämlich auf die weibliche Seite Gottes. Die Muschel ist in der psychologischen (Traum-)Deutung ein Symbol für Weiblichkeit und Emotionalität, auch ein Attribut von Meeresgottheiten. Ulrich Sander nimmt ja oben schon Bezug auf diese antike Ästhetik. Aphrodite — und ebenso ihre römische Entsprechung Venus — sind ja dem Mythos nach dem (Ur-)Wasser entstiegen. Der Sinn für Liebe und Schönheit scheint von Beginn an im Menschen angelegt. Kein Wunder, dass Eva darüber längst »im Bilde« und darüber hinaus wohl auch schon in den Startlöchern ist.

Jutta Josefine Eckes: Das leuchtet mir ein. Man denke nur an die schaumgeborene Venus von Sandro Botticelli, die auf der Muschel dem Meer entsteigt.³

Anmerkungen:

¹ Peter Scherle: Zukunft der Volkskirchen. Werte liefern, das können auch andere. In: faz.net vom 12.11.2018 | http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/zukunft-der-volkskirchen-werte-liefern-koennen-auch-andere-15885445.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0 | Hervorhebungen von mir

² Prince & The New Power Generation: „And God Created Woman“ (1992) | https://g.co/kgs/HDBKUk

³ https://www.facebook.com/photo.php?fbid=10158146132187942&set=p.10158146132187942&type=3&theater

Der Beitrag protokolliert Kommentare auf meiner Facebook-Seite, die sich mit dem Titelbild „Die Erschaffung Adams“ beschäftigen: https://www.facebook.com/ludger.verst

© 2018 Ludger Verst

Abschied vom „lieben Gott“

| Von Ludger Verst |

Man kann machen, was man will. Der „liebe Gott“ mit langem Bart und weißem Mantel ist und bleibt ein Dauerrenner. Vor allem Kinder stellen sich ihn so vor. Erst etwa ab dem 7./8. Schuljahr steuern Schüler ihre Gottesbeziehung mehr und mehr selbstbestimmt in eine andere Richtung. Ein zuvor soziomorphes Bild, bei dem Gott als eine beziehungsdominante, menschenähnliche Handlungsmacht hervortritt, wandelt sich in ein kosmomorphes Gottesbild, dargestellt in überwiegend naturalen und unpersönlichen Metaphern. Viele betonen jetzt die Ort- und Zeitlosigkeit Gottes. Die 13-jährige Laetizia sagt: „Gott ist einfach da; er ist überall, zum Beispiel in der Liebe.“ Andere nennen Gott jetzt Atem, Quelle, Licht, Kraft oder Energie.

Jugendliche und junge Erwachsene sehen sich und Gott zusehends mit je eigenen Zuständigkeiten und Entscheidungskompetenzen ausgestattet. Sie fühlen sich Gott gegenüber souverän und eigenständig. Die für die Theologie bedeutsame Wahrheitsfrage spielt für Jugendliche kaum eine Rolle. Glaubenssätze, Normen und Riten werden gesampelt. Logische Inkonsistenzen geben dabei keinen Anlass, irritiert oder beunruhigt zu sein. Jugendliche Glaubenskonzepte bestehen aus Fragmenten und Bruchstücken, die – für einen beobachtenden Dritten – oft widersprüchlich miteinander verbunden sind. Doch diese Widersprüchlichkeit stellt für sie kein Problem dar. Auch die Achtklässlerin Laetizia hat inzwischen eine selbstreflexive gläubige Sichtweise entwickelt, bei der Gott auf eine andere, neue Weise ihrer eigenen Bedürfnisstruktur entspricht.

Generell lässt sich sagen:

  • Jugendliche denken und agieren in religiöser Hinsicht heute pragmatisch. In diesem Rahmen verorten sie ihre Religiosität. Es ist eine subjektive Religiosität, die sie in der Auseinandersetzung mit objektiver Religion und so eben auch in Auseinandersetzung mit den Inhalten des (konfessionellen) Religionsunterrichts konstruieren. Spätestens in der Pubertät beginnen sich Jugendliche selbst immer mehr libidinös zu besetzen. Sie ziehen sich vom religiösen Objekt, von bestimmten Glaubensvorstellungen und Lerninhalten zurück und wenden sich intensiver ihrem eigenen Selbst und ihren eigenen Glaubensentwürfen zu.
  • Jugendliche setzen Religiosität strategisch ein. Sie steht im Dienste der Konstruktion der eigenen Biografie. Damit verändert sich die Bedeutung von Religion. Sie wird zu einer von biografischen Kontexten abhängigen Größe. „Nicht das Subjekt fügt sich ein in den von der Religion aufgespannten Ordo; vielmehr wird Religion selbst in einen Ordo eingefügt, nämlich den der Biografie“ (Matthias Sellmann). 

Dies berücksichtigend, könnte der Religionsunterricht in der Schule als ein Ort religiöser Biografiearbeit gestaltet werden. Das hieße, sich nicht nur, aber auch um solche Bedürfnisse, Begegnungen, Vorstellungen und Erkenntnisse der Lernenden zu bemühen, die der Orientierung und Stabilisierung ihres „narzisstischen Gleichgewichts“ dienen. Der Frankfurter Pastoralpsychologe Hermann-Josef Wagener hat genau an dieser Stelle entwicklungspsychologischer Forschung zeigen können, dass Glaubensinhalte, die die Selbstentfaltung der Lernenden nicht bestätigen und fördern, aus dem Gottesbezug ausgeschieden oder separiert werden. So entsteht im autonom-narzisstischen Formenkreis, so seine Bezeichnung, entweder ein fragmentarisierter Glaube der Indifferenz und des Zweifels bis hin zu kompletter Ablehnung oder eine bewusste Abgrenzung zum bisher erlernten Glauben im Sinne einer emanzipatorischen Neugestaltung, wie das Laetizia-Beispiel zeigt. 

Also: Wer den Absprung vom lieben Gott der Kindheit mit Bart und langem Mantel noch nicht so ganz hinbekommen hat: Er/sie muss nicht um jeden Preis den feministischen Umweg nehmen. Einen Gott als Best-Agerin mit wallendem Haar und mildem Blick …? Es lauert auch hier ein im Grunde entbehrlicher Anthropomorphismus.

Das Göttliche ist keine Entität. Es besteht nicht aus vorfindbaren Qualitäten, wie es die schlichte Rede vom Vater-Gott oder Mutter-Gott suggeriert. Substanzmetaphysik führt hier nicht wirklich weiter. Vom Prozessphilosophen Alfred North Whitehead (1861-1947) stammt der schöne Satz: „Gott ist der Spiegel, der jedem Geschöpf seine eigene Größe enthüllt.“

© 2018 INTERFAITH — Labor für soziale Kommunikation — Dreieich/Frankfurt

Mystik und Politik

Zum 90. Geburtstag meines Lehrers Johann Baptist Metz

| Von Ludger Verst |

Von 1979 bis 1986 habe ich in Münster Theologie studiert. Während ich in den ersten Jahren vor allem in der pastoraltheologischen Sektion meinen Schwerpunkt hatte, entwickelte sich nach und nach ein Interesse für Biblische und vor allem für Systematische Theologie. Ich wollte die Grundlagen theologischen Denkens kennenlernen, ihre Kategorien und ihre großen Themen. Johann Baptist Metz, seit 1963 in Münster Professor für Fundamentaltheologie, galt als ein dem linken Politspektrum zuzurechnender, kritischer Theologe — wohl auch, weil er sich seit seiner „Theologie der Welt“ (1968) in der deutschsprachigen Theologenszene nachdrücklich für Befreiungstheologie starkmachte.

Für mich ist die Begegnung mit dem Menschen und dem Theologen Johann Baptist Metz ein Glücksfall fürs Leben. Ich spräche heute anders, ich dächte heute anders, hätte es diesen Lehrer für mich nicht gegeben. Natürlich waren da die Vorlesungen, die mich als rhetorische Feuerwerke faszinierten, wie ich ohnehin das Habituelle an ihm mindestens unterhaltsam fand. Aber das ist es nicht, allenfalls vordergründig. Je länger und je näher ich ihn erleben konnte — in Haupt- und Oberseminaren, später auch auf Besuchen bei ihm in der Kapitelstraße oder in diversen (eigenen) Interviews fürs Radio — umso mehr wurden mir die Leidenschaft und Tiefgründigkeit seiner Rede von Gott, die immer zugleich eine Rede vom Menschen ist, bewusst.

Das Märchen vom Hasen und dem Igel – gegen den Strich gelesen

Heute, an seinem 90. Geburtstag, möchte ich, wenn auch nicht zum ersten Mal, einen tieferen Grund nennen, warum die Metz’sche Theologie einen so fundamentalen Einfluss auf meine theologische Arbeit entfalten konnte. Dazu greife ich gern auf ein Märchen zurück, auf das Metz gelegentlich Bezug nahm, um uns Studierenden die Unzulänglichkeit einer auch heute noch weithin subjektlosen, „idealistischen Theologie“ vor Augen zu führen. Ich meine das Märchen vom Hasen und dem Igel der Brüder Grimm: Der Igel geht vor dem vereinbarten Wettlauf mit dem Hasen noch mal kurz nach Hause (zum Frühstücken, wie er sagt), um seine Igelfrau zu holen, die bekanntlich genau so aussieht wie ihr Mann, um sie am oberen, entfernteren Ende der Ackerfurche zu postieren, während er sich am unteren Ende neben dem Hasen zum Lauf aufstellt. Wie man weiß, fällt der Hase auf den Igeltrick herein: Er läuft und läuft in seiner Furche; der Igel ist, hier wie dort, immer schon da. Und schließlich – beim siebenundsiebzigsten Lauf – rennt und stürzt sich der Hase auf dem Ackerfeld zu Tode.

Metz wollte mit diesem Text ein bestimmtes Anliegen seiner Rede vom Gott Jesu Christi deutlich machen, nämlich Sympathie zu zeigen für die Kleinen, für die Langsamen und Zu-Kurz-Gekommenen, indem er — zu unserer Überraschung — die gängige Logik des Märchens kurzerhand außer Kraft setzte und sich erlaubte, nicht für den Igel, sondern für den Hasen Partei zu ergreifen.

Aus dieser Lesart habe ich als Theologe Entscheidendes gelernt: Wer von Gott spricht – in welcher Form und in wessen Auftrag auch immer — darf um keinen Preis selbst mit einem solchen Igel-Trick arbeiten. 

Wer von Gott spricht, kann sich das Laufen, also die Hasen-Rolle, nicht ersparen. 

Welche Erfahrungen vom Leben, welche Erfahrungen mit Gott hätte er sonst vorzuweisen? Worüber sollte der reden? Gott ist ja kein ausgeklügelter Trick, den die Theologen nur geschickt verkaufen müssen, so wie der Igel dem Hasen verkauft, er würde laufen und zudem auch noch der Schnellere sein. Auch die Kirchen erwecken oft den Eindruck, sie seien hier wie dort immer schon da mit ihren Antworten, manchmal bevor die Fragen überhaupt gestellt sind. Sie postieren sich gern – in trickreicher Verdopplung – an beiden Enden der Weltgeschichte und sind mit ihren „ewigen Wahrheiten“ über Gott und die Welt uneinholbar immer schon da. 

Theologie als zeitloses Antwort-Set für existenzielle Fragen wurde von Metz als Mogelpackung ein für alle Mal entlarvt. Die Kirche verfügt über gar kein Wissen, das sie ohne den Preis neuer und vor allem eigener Erfahrungen gefahrlos und leidenschaftslos mitteilen könnte. Folglich können Christen sich das Laufen mit all seinen Höhen und Tiefen gerade nicht ersparen. Schon deshalb nicht, weil der Jude Jesus selbst losgelaufen, sich aufgerieben und auf Golgotha auf der Strecke geblieben ist. Hier zeigt sich die kritische Stoßrichtung Metz’scher Theologie. Metz beklagt, dass das kirchlich verfasste Christentum mit dem Verlust seines jüdischen Erfahrungsursprungs selber zum Ausdruck einer schicksalslos-idealistischen, zur „Compassion“ weithin unfähigen Vernunft geworden ist.

Mystik und Politik

Die realgeschichtliche Erfahrung einer zur Unvernunft pervertierten und in ihrem Totalitätsanspruch selbstverblendeten Vernunft hatte schon Adorno dazu bewogen, nicht in der Diskursivität des Denkens, sondern in der Symbolgebrochenheit der Kunst den Selbstbescheidungsprozess der Vernunft erhoffen zu dürfen. Diese Erfahrung hat Metz wie kein zweiter für die Theologie fruchtbar gemacht durch eine — wie er es nennt — „Mystik der schmerzlich geöffneten Augen“, die nicht nur nahe Nächste, sondern gerade „die fremden Anderen“ in den Blick zu nehmen versuche: Vergessene, Ausgebeutete, Verfolgte zum Beispiel. Gerade darin dürfte in diesen Tagen wieder ein besonders vordringlicher politischer Impuls seiner Theologie zu erkennen sein.

Mystik und Politik erweisen sich somit als zwei Stränge ein und derselben jüdisch-christlichen Wurzel: Sie verbinden Leidenschaft für Gott mit Leidempfindlichkeit für andere. Diese Einsicht markiert für mich selbst eine mit den Jahren biografisch wie lebenspraktisch erarbeitete und eingeübte Überzeugung. Sie äußert sich in einer Spiritualität, mit deren Hilfe ich die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen „praktisch“ weitererzähle, indem ich gleichzeitig bereit bin, heilend mitzuwirken.

In-Formation

Wonach der Mensch im Innersten verlangt

| Von Ludger Verst |

Manchmal ist es interessant, die Bedeutung bestimmter Wörter oder Redewendungen auf ihre begriffliche Herkunft hin abzuklopfen, sie etymologisch, wie man sagt, abzuleiten. Natürlich gibt es solche begrifflichen Ableitungen auch von einem so großen und mächtigen Wort wie GOTT — ohne Gott freilich dadurch habhaft werden zu können. Sprachwissenschaftlich gesehen kommt das Wort ‚Gott’ im Deutschen — und ‚god‘ im Englischen — von der indogermanischen Wortwurzel „ghau“, was so viel heißt wie rufen, anrufen. Gott wäre demnach das von Menschen angerufene Wesen. Man könnte noch grundsätzlicher sagen, Gott ist das, wonach der Mensch im Grunde seines Herzens ruft, also derjenige, wonach jeder Mensch im Innersten verlangt.

Nun ist eine solche sprachwissenschaftliche Annäherung an eine Begriffs- und damit immer auch Wirkungsgeschichte eines Wortes wie Gott noch kein Evangelium. Und auch kein Anlass zu religionspädagogischer oder pastoraler Euphorie. Gesetzt den Fall, mit einer solchen Worterklärung wollte man arbeiten, dann stellt sich doch gleich die Frage, warum das Wort Gott heute nur noch Wenigen — und immer Weniger-Werdenden — tatsächlich noch über die Lippen kommt. Andererseits: Religionswissenschaftler und Soziologen registrieren eine anhaltende Sensibilität für Religion und Spiritualität; Seminare, in denen es um Mystik und Gotteserfahrungen geht, haben den größten Zulauf in Klöstern und Bildungshäusern.

So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. (Gen 2, 7)

Vielleicht gibt es eine ganz einfache theologische oder — besser, biblische Erklärung. Mir ist sie eingefallen, als ich letztens nochmals eine der beiden Schöpfungsgeschichten aus dem Buch Genesis gehört habe. In der älteren der beiden in Genesis 2 heißt es, wo es um die Erschaffung des Menschen geht: „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen“ (V. 7).

Ich höre diese Stelle mit den Ohren eines Medienmenschen und sehe in ihr die Geburtsstunde der Kommunikation. Als Gott den Menschen formte, ihm seine äußere Gestalt gab aus der Erde vom Ackerboden, da formte er auch sein Inneres, indem er ihm den Lebensatem einblies, ihn sozusagen informierte, lebendig machte.

In jedem Menschen, der lebt, ein Hauch von Gott.

Das ist die erste Information, die ein Mensch erhält: Du bist ein Teil von mir. Du nimmst an meinem Leben teil. Du selbst bist meine Mitteilung. Noch vor dem ersten Lächeln der Mutter, noch vor der ersten Umarmung durch den Vater. Vor deinem ersten Anruf bist du schon von mir angerufen. Vor allen Anrufen und Mails dieser Welt bist du schon im Grunde deines Herzens durch mich informiert.

Also gar nicht so abwegig, dass schon die Germanen aus dem Wort Gott ein Rufen und Anrufen herausgehört haben sollen. Durch Gottes In-Formation sind wir ins Dasein gerufen. Und selbst ein Hauch der Liebe Gottes geworden.

Bildnachweis:  Juliane Werner (Foto)  |  Daniel Wiesmann (Grafik)

Dieser Text ist die überarbeitete Fassung eines Beitrags in der Reihe „Zuspruch am Morgen“ (hr1/hr2) vom 20. Juni 2002; eingereicht zum Predigtpreis 2004: http://predigtpreis.de/predigtdatenbank/predigt/article/andacht-zu-1-mose-27.html

© 2018 Ludger Verst

Kein Artenschutz für Gottes Wort

Wie Predigt und Katechese gelingen können

Vortrag am „Theologischen Tag“ im Institut für Pastorale Fortbildung (IPF) der Diözese Linz am 13. April 2018

| Von Ludger Verst |

An den Anfang meines Vortrags möchte ich ein Gedicht vom Anfang stellen und mit einem Gedanken beginnen, der die Faszination und zugleich die Zumutung von Anfängen anschaulich macht:

1 Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. 2 Dieses war im Anfang bei Gott. 3 Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. 4 In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. (…) 9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 10 Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. (…)

Was der Johannes-Prolog auf poetisch einzigartige Weise präsentiert (Hervorh. von mir), deutet auf einen Anfang hin, mit dem man im ausgehenden ersten Jahrhundert, zur Entstehungszeit dieses Evangeliums, offensichtlich bereits Erfahrungen gemacht hat. Im Anfang (in principio) ist GOTT: ein grundsätzlicher, in allem mitlaufender Anfang, der alles Lebendige hervorbringt, aber in der Welt auch auf Unverstand und Widerstand stößt. Schon die frühe Kirche kennt diesen Widerstreit von Faszination und Zumutung.

„Kirche“ ist zunächst ein Ehrentitel, schon für Israel: das hebräische „qāhāl“, die Versammlung im Namen Jahwes. Dann griechisch ἐκκλησία von „ek-kálein“ — herausrufen: Menschen, die sich herausrufen lassen, die aus ihrer Anonymität heraus in ein neues Verhältnis treten: berufen im Namen einer Liebe, die ihnen erschienen ist in der Gestalt Jesu, dem Mensch gewordenen Wort: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (V. 14). Dieses neue Sich-In-Beziehung-Setzen bildet den Anfang des Christlichen.

Im ersten Jahrhundert ist Kirche ein Phänomen, das mehr oder minder aus dem jüdischen Monotheismus heraus entsteht. In den Abendmahlssälen sind lauter ungetaufte gläubige Juden, die sich zu Jesus als dem Messias bekennen. So langsam — ab dem Jahr 50 — beginnt die Kommunikation in den griechisch-römischen Raum hinein. Der Apostel Paulus und andere werden mit einem für sie neuen Denkrahmen konfrontiert, mit einer herausfordernd neuen Logik. Prägend bleiben im ersten Jahrhundert die jüdischen Wurzeln. Gegen Ende der apostolischen Zeit beginnt der Umschwung in die zweite große Epoche der Kirchengeschichte. Die Kultur, in die „das Wort“ hineingesprochen wird — Kirchenväter, Konzilien, Glaubensbekenntnisse — beschreibt eine weithin griechische Welt. Und eine römische.

Kennzeichen eines jeden Neuanfangs oder fundamentalen Umbruchs ist der je ungewisse Ausgang: zu Beginn eine große Freiheit der Entscheidungen mit Konsequenzen, die erst viel später sichtbar werden. Deshalb sind Anfänge und Umbrüche so schwer steuerbar. Die anfängliche Freiheit geht einher mit wenig kalkulierbaren Ergebnissen. Anfangsfehler sind bei Entwicklungen immer die folgenreichsten.

Der verlorene Ursprung

Der Jude Jesus, der in jüdischer Weise glaubt, der in seiner alltäglichen Welt vom nahegekommenen Gottesreich spricht und im Vertrauen auf diesen Gott, den er seinen himmlischen Vater nennt, lebt; dieser Jesus hat mit seiner Botschaft in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod nur in der palästinischen Welt überlebt. Vor allem die Spruchquelle Q führt diese Verkündigung Jesu fort. Sie kennt weder Wundererzählungen noch Passionsgeschichte und Osterbotschaft. Sie zeugt davon, dass die Jesusbewegungen in Palästina ohne eigene Gemeindegründungen bleiben und das fortsetzen, was der Wanderlehrer Jesus seinerseits getan und seine Schülerinnen und Schüler zu tun gelehrt hat.

Ganz anders die Entwicklung in den hellenistischen Städten. Hier finden im Milieu des Diasporajudentums und des damit sympathisierenden Heidentums von Anfang an Gemeindegründungen statt. Aus ihnen geht ein Christuskult hervor, dessen zentrale Botschaft nicht mehr die Reich-Gottes-Programmatik Jesu ist, sondern die Deutung des Todes Jesu und die Verkündigung seiner Auferstehung. Das zentrale Programm Jesu, nämlich wie in dieser Welt mitmenschlich gelebt werden kann, wenn dieses Leben ganz von Gott her verstanden wird, tritt hinter die Deutung seiner Person zurück.

Jesus verkündete keine Lehre, die zu glauben sei, sondern praktizierte eine Existenzform, die gelebt werden will.

Im hellenistischen Milieu hingegen entwickelte sich die metaphysische Vorstellung von einem prä-existenten Gottessohn, den Gott gesandt habe, um die Menschheit durch seinen Tod am Kreuz wieder mit sich zu versöhnen. Die Lehrtradition der Kirche kanonisierte schließlich einen Christus, der den historischen Jesus — strenggenommen — kaum mehr zu Wort kommen lässt. Damit wurde und wird vieles ausgeblendet, was dem Evangelium Jesu auch heute noch gesellschaftliche Beachtung und Zustimmung geben könnte. Gerade kirchlicher Kommunikation fehlt es auffällig an Unmittelbarkeit und Frische.

Kirche ist bis in unsere Gegenwart hinein ein mehr oder weniger griechisch-römisch geprägtes Phänomen. Noch die Mission des 19. Jahrhunderts im Gefolge des Kolonialismus hat das Evangelium in dieser Form verkündigt — weniger orientalisch, geschweige denn afrikanisch oder indisch oder sonstwie. Jetzt, am Ende der Moderne, an der Schwelle zu einer neuen Epoche, gibt es — wie immer in Übergangszeiten — wieder die Faszination von Freiheit und die Konfrontation mit Unabsehbarem; kurz: Es gibt eine handfeste Krise. Die Tradition soll linear verlängert werden und nicht kreativ. Das kann nicht gutgehen.

Hubertus Halbfas vermutet hinter der Krise der Kirche und ihrer Verkündigung eine religiöse und kulturelle Erschöpfung größeren Ausmaßes: „Es sieht so aus”, sagt er, „als sei die Zeit der griechisch inkulturierten Kirche abgelaufen. (…) Gerade die mit griechischen Denk- und Vorstellungsmitteln geschaffene Glaubenswelt erfährt jenen Sprach- und Verständigungszerfall, der die kirchliche Rede ins Leere gehen lässt. Inzwischen befinden sich alle grundlegenden und zentralen Begriffe des christlichen Glaubens außerhalb des regulären Verständigungsrahmens unserer Zeit. Das Apostolische Glaubensbekenntnis bildet Satz für Satz, Begriff für Begriff für jeden Zeitgenossen eine Sondersprache. Was die mit spätantiken griechischen Denkmitteln erarbeiteten christologischen Titel oder begriffliche Unterscheidungen wie Wesen, Natur und Person einmal meinten, oder was begriffliche Kennmarken wie „Opfer“, „Erlösung“, „Auferstehung“, „Himmelfahrt“, „Jüngster Tag“ besagen, ist im traditionellen Vokabular nicht mehr zu vermitteln. Das Verfallsdatum solcher Glaubensbegriffe ist längst überschritten.“¹

Kirchliche Verkündigung jenseits ihres Verfallsdatums

Es wundert darum nicht, dass die Fragen und Zweifel, die sich heute melden, innerhalb kirchlicher Lebensordnungen, innerhalb von Religionsunterricht und Katechese so gut wie keinen Resonanzraum mehr haben. Sie finden selbst innerhalb der Kirchenöffentlichkeit keine mehr wirklich offene, allenfalls eine apologetische Bearbeitung. „Dieses fundamentale Relevanzproblem der Kirchen, ihre Unfähigkeit, das Evangelium so zu kommunizieren, dass seine lebensnotwendige Bedeutung verstehbar und erfahrbar wird, lässt sich nicht allein sprachlich und mit Kommunikationsoptimierung lösen“ (Arnd Bünker; Markierung v. mir). Ebenso scheint es verfehlt, allein die Predigerinnen und Prediger, Katechetinnen und Katecheten an den Pranger zu stellen, weil sie meist selbst eingewoben sind in eine kirchliche Kommunikationstradition, zu der sie auch weiterhin gern gehören wollen.

Wir stellen also fest: Zur Tragik des verlorenen Anfangs, des Verlusts des Ursprungs, der heute unübersehbar geworden ist, gehört die Entleerung der religiösen Sprache, die in jedem Gottesdienst und in jedem christlichen Traktat erfahren wird. So erleben auch Sie in ihren Gemeinden, dass Ihr Bemühen nicht selten am sprachlichen Instrumentarium scheitert, obwohl Sie selbst bestens ausgebildet und vorbereitet sind.

Dies dürfte nun mehr oder weniger die Problemanzeige sein und damit auch der Grund, der uns hier zusammenführt. Sie wollen sich ebensowenig wie ich mit diesem Sprach- und Vermittlungsproblem einfach so zufrieden geben.

Drei Anregungen zur Reflexion, später dann auch für Ihre Praxis, möchte ich geben:

FORTSETZUNG: Drei Anregungen und Empfehlungen

Anmerkung: ¹ Hubertus Halbfas: https://www.wir-sind-kirche.de/files/1441_Hubertus_Halbfas_-_Traditionsbruch.pdf, 12.04.2018.

Über die unvorstellbare Kraft der Tiefe

| Von Ludger Verst |

Von einem Gott zu sprechen, der unsichtbar ist, und von einem Gottessohn, der von den Toten auferstanden ist …;  naja, das fällt nicht nur den religiös Unmusikalischen unter den Zeitgenossen schwer. Viele sagen da: Über das, was man nicht wirklich wissen kann, sollte man besser schweigen.

Nun gut: Begriffe wie „Gott“, „Himmel“, „Auferstehung“ lassen sich entweder in lebendige, besser noch: erlebte Geschichten übersetzen oder sie taugen tatsächlich nicht.

Auferstehung kann ich nur verstehen, wenn ich schon hier und jetzt Auferstehungserfahrungen machen kann.

Ein Beispiel: Wer sich in die vulkanische Welt Islands begibt, sieht am Horizont nicht selten heißen Dampf aufsteigen. Touristen scharen sich dann gern rund um einen Erdkreis, der etwa so groß ist wie eine kleine Kapelle. In der Mitte ist ein Loch und da blubbert es ein bisschen. Im Grunde sieht man nichts. Es ist nichts los am Pool dieses geheinmisvollen Geysirs. Die, die bleiben, denen ist es manchmal langweilig wie bei einem Gottesdienst. Es ist nichts mit dem Erlebnis in diesem Kreis. Man könnte sagen: Die eigene innere Leere wird projiziert und an diesem Ort erlebt. Nur wenige halten durch. Worum es eigentlich geht, das ist verborgen. Tief unten im Gebirg auf der heißen Lava ist ein verborgenes Geäst, da ist das Wasser an der heißen Lava. Man weiß ja um die Wirklichkeit des verborgenen Ursprungs, aber das erwartete Erlebnis bleibt aus. Im Verborgenen ist irgendwo etwas. Wie reagiert man darauf? Man geht woandershin. Wer aber ausharrt und dort im Kreis steht, vielleicht nur noch allein — und in der Mitte ist nichts — der hört auf einmal:

WUMMM!!!

Plötzlich in einem Satz, 40 oder 50 Meter hoch springt der Geysir. „Boah!!!“ — Der verborgene Ursprung zeigt sich in Gestalt einer heißen Springquelle. Spontan, ursprünglich findet der Mensch seinen Ort — und ist begeistert. Im selben Augenblick räsoniert er nicht mehr, wer er ist und wie es ihm geht und warum nicht nichts ist, sondern er ist ek-statisch, ganz hineingenommen in das Phänomen. Er ist außer sich und gerade im selben Augenblick identisch mit sich. Der Mensch macht auf der naturalen, unmittelbaren Ebene die Erfahrung des Begeisternden, des Ursprünglichen.

Plötzlich, aus dem Schweigen, aus der Tiefe, dem Aushalten der Stille bricht eine unvorstellbare Kraft hervor.

Ist nicht auch das Leben selbst angesichts von Leiden, Sterben und Tod ein Ort solchen Aushaltens von Leere, von eigener oder fremder Leere und Sprachlosigkeit? Ein Ort des Nicht-Verstehens und der Irritation? Um auf überraschende Weise zu einem Ort des Staunens und der Findung, vielleicht gar der Selbstfindung in der Spur des Göttlichen zu werden?

Was mich an Geysiren fasziniert, ist, wie aus einem Allerweltsort ein heiliger Ort werden kann, und hier, indem ich es erzähle, aus einem Allerweltstext so etwas wie ein Glaubensgespräch. Wie nah das Wasser des Geysirs und das „Wasser des Lebens“ beieinander liegen. Welt und Evangelium. Die Geysir-Geschichte spiegelt mir: Die Wahrheit meines Lebens findet sich nicht an der Oberfläche. Was wir sehen, wenn wir aufschauen und herumschauen, sind oft nur Formate, Schablonen, in die wir uns gegenseitig gern hineinstecken. Gut gestylte Benutzeroberflächen, aber bestimmt nicht die Wahrheit.

Gott ist an der Wahrheit eines Menschen interessiert. Am Dahinter und Darunter.

Im Johannes-Evangelium (Joh 4, 5-42) trifft Jesus eine Samariterin am Jakobsbrunnen. Auch so ein Ort, an dem es um die Tiefe einer Begegnung geht. Jesus sagt: „… Wer (aber) von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“

Jesus sieht in der Frau nicht die Samariterin, die Sünderin, mit der er als Jude gar nicht verkehren dürfte, sondern einen Menschen auf dem Weg zu seiner Quelle. Dorthin, wo es im Leben brodelt und kocht und wo der Ursprung liegt von allem, was ist.

Die Samariterin am Jakobsbrunnen sucht Wasser und weil sie tief schürft, trifft sie nicht nur auf Wasser, sondern auf sich selbst.

In der Begegnung mit dem Unbekannten, mit Jesus, kann sie sich selbst und die Kostbarkeit ihres Lebens erkennen – „im Geist und in der Wahrheit“, wie es Joh 4, 23 nennt.

Das Johannes-Evangelium legt großen Wert darauf, dass wir an die Auferstehung nicht glauben wie an ein fernes, fremdes Geschehen am Ende der Tage. Es hätte sich niemals ein Ostermorgen ereignen können und wir hätten ihn, selbst wenn er sich ereignet hätte, nie bemerken können, vermöchten wir nicht mitten in diesem Leben Gott so zu erfahren, dass wir begreifen, was Leben ist — jenseits der Oberflächlichkeit, jenseits der Endlichkeit und Enge dieser Welt. Und dies ist unser ganzes Leben: zu glauben und zu wissen, dass es zwischen Erde und Himmel, zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen Menschlichkeit und Göttlichkeit keine Grenzen gibt, dass nur ein einziges Reich der Liebe und des Lebens ist, zu dem jede(r) berufen ist.

Dieser hier leicht gekürzte Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Andere Zeiten. Das Magazin zum Kirchenjahr 1/2018, S. 22 f.  —  www.anderezeiten.de  —  Verlag und Bildagentur danke ich für die überaus gelungene Auswahl des Bildmotivs.

© 2018 Ludger Verst

Der Glaube, der lebendig macht

Von Ludger Verst

[…] Die Leseordnung für den heutigen Sonntag fügt die biblischen Texte unter dem Leitgedanken des Markus-Evangeliums (Mk 1, 29-39) geschickt zu einer Einheit zusammen. Die erste Lesung aus dem Buch Hiob (Hi 7, 1-4.6-7) zeigt uns den Menschen mit seiner Klage. Hiob verkörpert den Menschen schlechthin. Er nimmt sein Leben nurmehr als Last und Bürde wahr. Er fühlt sich wie ein geschundener Knecht, ein misshandelter Sklave. Im Höchstfall gesteht er sich zu, ein Tagelöhner zu sein, der aber ebenso vergeblich auf Besserung hofft. — Wofür? Wozu das Ganze? — Es gibt in seinem Leben keine Freude, keine Sonne, kein erlösendes Aufatmen.

Dann — als Gegenüber dazu — der Text aus dem 1. Korintherbrief (1 Kor 9, 16-19.22-23). Eine mit großer Dynamik vorgetragene Gegenrede. Der Apostel Paulus spürt die innere Verpflichtung, ja geradezu den Zwang, der auf ihm liegt, die rettende Botschaft Jesu zu verkünden. „Lieber wollte ich sterben, als dass mir jemand diesen Ruhm entreißt … Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (V. 15f). Und Paulus verrät uns, wie er das anstellt. Genau hier zeigt sich die Verbindung zu Hiob: „Da ich (also) von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen“ (V. 19). Den Juden wird er ein Jude, den Gesetzlosen ein Gesetzloser und den Schwachen ein Schwacher. „Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten“ (V. 22).

Bei beiden — bei Hiob und bei Paulus — geht es um eine innere Not, eine unerträgliche Bedrängnis, ja, um Leben und Tod. Bei Hiob ist es der Schrei nach Rettung aus ihn bedrängender, geradezu vernichtender Not, bei Paulus der unbedingte Wille, mit dem Evangelium diese Rettung zu bringen. Deshalb muss Paulus allen alles werden, damit kraft des Evangeliums Jesu am Ende kein Hiob, kein Einziger mehr zugrunde geht und niemand unter seiner Bürde mehr zerbricht, sondern in Würde ein menschliches Leben lebt.

So führen uns also Hiob und Paulus auf je eigene Weise zu Jesus. In der Zusammenschau der beiden Lesungstexte wird nun auch das Anliegen des heutigen Evangeliums sichtbar:

Es ist der Glaube, der lebendig macht.

Das Markus-Evangelium stellt uns einen Jesus vor, der heilend einlöst, wovon er spricht. Keinen Überflieger, der die Gegend um Kafarnaum wundersam in ein Paradies verwandeln will. In seiner engen Verbundenheit mit Gott schafft er Wege aus der Sinnlosigkeit von Leid und zeigt, wie und aus welcher Kraft Menschen schöpfen können, um ihr Leben auf dieser Erde ertragbar und menschlich zu gestalten. Man kann beim Jammern und Klagen stehen bleiben. Man kann aber auch auf Jesus schauen. Das würde uns Kräfte verleihen, die uns davor bewahren, von den Belastungen des Alltags und des Lebens erdrückt zu werden. Mehr noch: Wir könnten dazu beitragen, auch die Not anderer lindern zu helfen.

Auszug aus meiner Predigt zum 5. Sonntag im Jahreskreis am 3./4. Februar 2018 in Sankt Laurentius, Dreieich

Vermächtnis eines Medientheologen

Liebe Freunde des ifp!

Nach 14 Jahren Ausbildungsverantwortung für die katholische Journalistenschule gäbe es einiges zu resümieren. (…)  Heute Abend ist mir nun ein Gedanke noch besonders wichtig. Ich möchte ihn formulieren als persönliches Schlusswort, als das journalistische Vermächtnis eines Medientheologen.

Die Absolventen der Theologenkurse werden sich erinnern: Zu Beginn eines jeden etwa 15-monatigen Kurses mit seinen vier je einwöchigen Schwerpunkten Presse, Hörfunk, Fernsehen und Öffentlichkeitsarbeit gab es für die Neulinge ein Ritual. Im Grunde immer denselben Initiationsritus:

„Wenn ihr diesen Kurs professionell durchlaufen und am Ende erfolgreich abschließen wollt, dann solltet ihr gleich morgen mit der ersten Arbeitseinheit euren Theologen-Schreibtisch verlassen und hinüberwechseln an den einer Redakteurin oder Redakteurs. Ab morgen wird nicht mehr gepredigt und auch nicht mehr mit der Brille von Bibelwissenschaftlern oder Katecheten geschrieben, gesprochen oder inszeniert.

Das war für die meisten ungewohnt, vielleicht auch eine Zumutung. Aber dieser Perspektivwechsel galt vom ersten bis ins letzte Modul. Und zwischen den Arbeitseinheiten im ifp solltet ihr zu Hause das Handwerkszeug mit neuem journalistischen Blick direkt anwenden.

Die meisten haben sich darauf eingelassen. Religionsinteressierte Mediennutzer wollen nämlich wissen, was es mit Gott und der Welt und dem Sinn ihres Lebens auf sich hat: anschaulich, kompetent und möglichst auf den Punkt gebracht. Sie suchen sich dazu entsprechende Anbieter. Da ist die Medienarbeit der Kirche kein publizistischer Sonderfall und ein „geistliches Wort“ kein eigenes Genre, das Theologen irgendwann erfunden haben und daher unter Artenschutz stellen könnten. Themen werden an gängigen Nachrichtenfaktoren gemessen. Die kennt jeder in jeder Redaktion, warum also nicht auch ein Theologe: Aktualität und Nähe, Originalität, Konflikt, Liebe, um die wichtigsten zu nennen. An solchen Koordinaten ist grundsätzlich jede Nachricht, auch die christliche, aus- und aufzurichten. Häufig aber sind kirchliche Beiträge nur kirchenaktuell und auch sonst ohne erkennbaren gesellschaftlich relevanten Bezug. Dann fallen sie beim Publikum durch. Sie erzählen keine für die Öffentlichkeit bedeutsame Geschichte. „Gott“ an und für sich ist nämlich noch kein Thema. Er wird es erst, wenn er in eine relevante Geschichte verwickelt wird. Dass dies geschieht – und eben noch professioneller wird – , dafür sind kirchliche Medien-Seelsorger selbst verantwortlich. Und dafür gibt es die Theologenkurse.

Das Märchen vom Hasen und dem Igel – gegen den Strich gelesen

Ich möchte den tieferen Grund nennen, warum Theologinnen und Theologen in der Medienarbeit unbedingt eine journalistische Zusatzqualifikation brauchen. Und dazu greife ich ausgerechnet nicht-journalistisch auf ein Märchen zurück, das die meisten von euch kennen dürften: das Märchen vom Hasen und dem Igel. Ich meine die Geschichte von jenem krummbeinigen, aber pfiffigen „Swinigel“, der am Sonntagmorgen auf dem Felde spazieren geht und dem Hasen (der ihn wieder mal wegen seiner schiefen Beine gefoppt hatte) überraschend einen Wettlauf in den Ackerfurchen vorschlägt. Wie die Geschichte weitergeht, ist klar: Der Igel geht vorher noch mal kurz nach Hause (zum Frühstücken, wie er sagt), um seine Igelfrau zu holen, die bekanntlich genau so aussieht wie ihr Mann, um sie am oberen, entfernteren Ende der Ackerfurche zu postieren, während er sich am unteren Ende neben dem Hasen zum Lauf aufstellt. Wie man weiß, fällt der Hase auf den Igeltrick herein: Er läuft und läuft in seiner Furche; der Igel ist, hier wie dort, immer schon da. Und schließlich – beim siebenundsiebzigsten Lauf – rennt und stürzt sich der Hase auf dem Ackerfeld zu Tode.

Mein früherer Münsteraner Theologie-Professor Johann Baptist Metz, dem ich für Beruf und Leben viel verdanke, hat dieses Märchen gegen den Strich gebürstet, um uns Studierenden ein ganz bestimmtes Anliegen seiner Rede von Gott deutlich zu machen. Metz hat nämlich die Logik dieses Märchens, das ja Sympathie zeigt für die Kleinen, die Langsamen und Zu-Kurz-Gekommenen, für den Igel eben, kurzfristig außer Kraft gesetzt und sich erlaubt, für den Hasen Partei zu ergreifen. Warum? –

Weil die Theologie – und in praktischer Konsequenz natürlich die Kirche und ihre Publizistik – nicht selbst mit einem solchen Igel-Trick arbeiten dürfen. Wer von Gott redet, kann sich das Laufen, die Hasen-Rolle, nicht ersparen. Welche Erfahrungen vom Leben, welche Erfahrungen mit Gott hätte der sonst vorzuweisen? Worüber sollte der reden? Gott ist ja kein ausgeklügelter Trick der Philosophen, den die Theologen nur geschickt verkaufen müssen. So wie der Igel dem Hasen verkauft, er würde laufen und zudem auch noch der Schnellere sein. Auch unsere Kirche erweckt oft den Eindruck, sie sei hier wie dort immer schon da mit ihren Antworten, manchmal bevor die Fragen überhaupt gestellt sind. Sie postiert sich gern – in trickreicher Verdopplung – an beiden Enden der Weltgeschichte und ist mit ihren „ewigen Wahrheiten“ über Gott und die Welt uneinholbar immer schon da. Das ist es, was die Leute spüren und womit sie nichts anfangen können.

Die Kirche verfügt über gar kein Wissen, das sie ohne den Preis von Erfahrungen gefahrlos und leidenschaftslos mitteilen könnte.

Christlich zu leben ist ja kein Leben zum Nulltarif. Folglich können Christen sich das Laufen mit all seinen Höhen und Tiefen gerade nicht ersparen. Schon deshalb nicht, weil Jesus selbst losgelaufen, sich aufgerieben und auf Golgotha auf der Strecke geblieben ist.

Was ich an dieser Lesart der Geschichte für uns aufzeigen möchte: Wer hier als Stipendiat, als Volontär, als Theologe, aus- und fortgebildet wird, muss laufen und darf nicht sitzen, mit seiner Weisheit nicht immer schon da sein. Journalistisches Denken und Arbeiten heißt – insbesondere für Theologen: laufen wie Jesus, loslaufen wie er, sich unter die Leute mischen, ihre Sprache sprechen, ihren Liedern lauschen, ihre Sorgen teilen. Theologen müssen nach den göttlichen Spuren in den Geschichten der Menschen suchen, nach seiner Präsenz in den Dörfern und Städten, in den Glücks- und Unglückserlebnissen der Zeitgenossen und sie mit ihnen teilen – journalistisch gesprochen: mit-teilen, kommunizieren, senden. Loslaufen heißt nicht, sich totzulaufen wie der Hase. Es heißt nicht, allen alles zu bringen, allen Milieus gleichermaßen ein geistliches Zuhause bieten zu wollen. Das würde jeden überfordern und tatsächlich zur Strecke bringen.

Das Kommunikationsprofil kirchlicher Botschaften wird auf den Prüfstand müssen mit dem Ziel, christliche Religion und Spiritualität mitzuteilen in jeweils passendem Medienformat. Das geht. Das haben die zurückliegenden 14 Jahre gezeigt. Dazu braucht es keine Igeltricks, keine ängstliche Selbstdarstellung und PR. Und keiner muss gleich überall Erster sein. Es braucht vor allem eines: die Bereitschaft, den Standort, die Perspektive zu wechseln. Und journalistisches Handwerkszeug – beides.

Liebe Freunde, beides kann man in hervorragender Weise lernen bei uns im ifp.

© Ludger Verst (2013)

Rede zur Verabschiedung aus der katholischen Journalistenschule IFP in Freiburg/Br. am 23. November 2013

„Hier stehe ich! …“

Standpunkte, die bewegen

Von Ludger Verst

Festvortrag bei der Preisverleihung zum Reformationsjahr 2017 am 11.11. 2017 in Wiesbaden

Lieber Herr Weihbischof, lieber Herr Stadtdekan,
liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

so ziemlich am Ende eines hochdekorierten Jubiläumsjahres zur Reformation noch etwas Nicht-Gesagtes und Wichtiges beizutragen, empfinde ich als eine echte Zumutung. Zumal in einem so hochsensiblen wie diffusen, thematisch unübersichtlichen Gelände wie dem von Kirche, Kunst und Kultur. Da reden gerne viele mit. Und nicht selten hat es den Anschein, als ob sich der eine des anderen gern bemächtige: Kunst steht der Kirche im Allgemeinen gut — und auch umgekehrt: Ein Gottesdienst im Museum ist ein reizvolles Angebot.

Um solche Funktionalisierungen, Fremdbestimmungen oder andere Übergriffigkeiten wird es heute Abend nicht gehen. Schon deshalb nicht, weil es dem Anliegen und auch dem Anspruch des Wiesbadener Projektes zu aktueller Kunst und Literatur diametral entgegenstünde. Das zeigen die bildkünstlerischen und schriftstellerischen Ergebnisse dieses Projekts, von denen ich einige bereits sehen und lesen konnte, die zu würdigen und im wörtlichen Sinne zu „preisen“ gleich jedoch anderen zukommen wird.

Die tatsächliche Zumutung, die ich heute Abend hier empfinde und — Sie werden sehen — auch Ihnen zumuten werde, ist eine andere. Sie erwächst aus dem thematischen Profil dieses Projekts, nämlich sich als „Positionierung zur Transzendenz“ und als „Worte aus der Zumutung Gottes“ zu verstehen. Oder wie die Veranstalter es im Katalog zum Kunstprojekt formulieren: „Das Jahr 2017 sollte uns Grund geben, über Kirche als Resonanzraum für viele Glaubensstimmen nachzudenken.“¹

Wie entsteht Resonanz? Wie kann ich überzeugend einen Standpunkt vertreten, der mit Standpunkten anderer in Berührung kommt? Wie mich in meinem Leben positionieren (ich muss es ja als leibliches Wesen) und dadurch auch andere berühren? Ist solcherart Resonanz angesichts der Heterogenität von Gruppen und Verbänden und erst recht von Großinstitutionen nicht naiv, ein frommer Wunsch?

„Wer eine Sicht des Lebens zeigen will, muss Gesicht zeigen.“

Meine Überzeugung ist: Standpunkte brauchen Inhalte, Gefühle, Gesten, die gezeigt und erwidert werden. Insofern sind sie nie nur Austausch von Informationen, sondern Kommunikation. Ich zeige jemandem etwas, wovon ich überzeugt bin, und ich kann das nur tun, indem ich im Zeigen einer Anschauung mich selbst zeige. Das gilt erst recht bei Dingen, die das Leben als Ganzes betreffen: „Wer eine Sicht des Lebens zeigen will, muss Gesicht zeigen (M. Meyer-Blanck).“ Wer kommuniziert, gehört mit in den Vermittlungsprozess und ist nicht nur geschickter Arrangeur oder neutraler Informationslieferant, nicht nur Elementarisierer, Moderator oder Fachmann, sondern über dies hinaus auch selbst religiöses Zeichen, ohne das es gar keine Botschaft geben könnte. Was eine Information in den Rang einer Botschaft hebt und ihr somit Resonanz verschafft, ist ihre Inhalts- und Begegnungsqualität: Ein bewegender Eindruck sucht seinen entsprechenden Ausdruck. Ich zeige dir etwas; du musst es nicht toll finden. Aber ich zeige dir etwas, wozu ich selbst eine lebendige Beziehung habe. Botschaften werden vom Empfänger in ihrer je eigenen Relevanz (+) oder Nicht-Relevanz (-) erspürt, angenommen oder abgelehnt. Der Sinn einer Botschaft liegt nicht in oder hinter den Worten eines Textes; er vollzieht sich im Empfänger. Dort geschieht das Entscheidende. Sinn ist nicht etwas, was hinter oder tief in den Sätzen einer Sprache steckt, sondern etwas, das sich ereignet, wenn unterschiedliche Erfahrungen aufeinanderstoßen, Fernliegendes nahekommt, Texte in Kontexte geraten und so neu Bedeutung erlangen. Christlich gesprochen: Meine Sicht auf das Leben Jesu ist der Versuch einer Neuinszenierung jesuanischer Wirklichkeit in meiner Welt.

Bedeutsamkeit ist eine Frage inneren Beteiligtseins.

Das heißt: Bedeutsamkeit ist vor allem eine Frage inneren Beteiligtseins. Die Perspektive der Theologie aber ist oft eine andere. Sie geht zu sehr von einer an und für sich feststehenden Position außerhalb der Kommunikationsprozesse und Kommunikationsweisen der Menschen aus. Es sind aber nicht die Sachverhalte, sondern die Akteure und ihre Geschichten, die den Motivationsrahmen liefern für die Frage nach Gott, für die Sehnsucht nach Rettung, Solidarität und Glück. Dies ist die Stärke von Kunst: Bilder sprechen zu lassen und nicht Experten, die es wissen oder besser wissen.

Am Beginn jeder Erkenntnis steht eine sinnliche Erfahrung, um welche künstlerische Form es sich auch immer handelt. Dann aber — und hier liegt das Problem — transformiert und abstrahiert sich die Erfahrung; komplexere Formen der Reflexivität entstehen und die Sinnlichkeit verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Das Thema dieses Verlustes, den Reflexivität notwendig mit sich bringt, hat als erster der Philosoph Alexander Gottlieb Baumgarten (schon 1750), später dann auch Arthur Schopenhauer aufgegriffen. Es ist die Klage um das Verlorene, was sich häufig als das verlorene Sinnliche erkennen lässt. In der Kunst und auch schon in der Mythologie ist sie ein Thema. Der Orpheus-Mythos zum Beispiel spiegelt diese Tragik des Verlustes, die in der Philosophie und erst recht in der Theologie so gut wie keine Resonanz findet.

Baumgarten besteht auf dem Eigenwert sinnlicher Erkenntnis. Dem Gewinn begrifflicher Abstraktion entspricht ein Verlust des Sinnlich-Konkreten, der sich durch die Abstraktion als solche ereignet. Natürlich ist sinnlich Wahrgenommenes, also etwas als groß oder klein, stark oder schwach oder einfach als schön wahrzunehmen, noch kein Garant für den Wahrheitsgehalt einer Erkenntnis. Aber sinnliche Erkenntnis ist — so Baumgarten — nicht per se „die Mutter des Irrtums“. Es geht ihm um das Innere einer Wahrheit, die „wahrste Empfindung“, wie er es nennt. Er meint damit keine Wahrheit im Sinne einer abstrakten, aussagenlogisch verallgemeinerbaren Erkenntnis. Der Stuhl, den ich sehe, ist nicht dadurch unbezweifelbarer vorhanden, dass ich seine Wahrnehmung in den Superlativ setze. Es muss also eine andere Ebene gemeint sein. Baumgarten fragt nach der Form der Verbundenheit von Subjekt und Wahrgenommenem, nach der Intensität von Wahrnehmung. Es geht ihm um die Beziehung der Wahrnehmung zum Subjekt, um die Intensität dieser Beziehung. Hier, auf der Beziehungsebene von Kommunikation, verzeichnen die Kirchen hohe Verluste. Nicht, weil die Kommunikation des Evangeliums heute weniger relevant oder die Kundschaft um einiges komplizierter geworden wäre. Es fehlt an Intensität. Darum sind viele der kirchlichen Sprechversuche in den Kommunikationen des Alltags heute stumpf und irrelevant. Sie betreffen nicht. Sie berühren nicht.

Ich möchte Ihnen sagen, warum. Die kirchliche Sprache ist keine Beziehungssprache. Begriffe wie „Opfer“, „Erlösung“, „Auferstehung“, „Himmelfahrt“, „Jüngster Tag“, die als Denkmittel in der Logik der Spätantike lange funktioniert haben, sind heute keine überzeugenden Kennmarken des Christlichen mehr. Sie sind nicht falsch. Sie haben Geschichte und haben Tradition. Aber das Verfallsdatum solcher Glaubensbegriffe ist längst überschritten. Es wundert darum nicht, dass die Fragen und Zweifel, die sich heute melden, innerhalb kirchlicher Lebensordnungen so gut wie keinen Resonanzraum mehr haben. Sie finden innerhalb wie außerhalb der Kirchenöffentlichkeit keine mehr wirklich offene, allenfalls eine apologetische Bearbeitung. Dieses fundamentale Relevanzproblem der Kirchen, ihre Unfähigkeit, so zu kommunizieren, dass Gesagtes verstehbar und erfahrbar wird, lässt sich allerdings nicht allein durch Kommunikationsoptimierung lösen.

Manchmal denke ich, dass es besser wäre, alles Systemhafte von Religion und Konfession, das heißt, deren dogmatische Antiquariate aus dem Verkehr zu ziehen und sich stattdessen darauf einzulassen, dass Religion schlicht mit Beziehung, mit Intensität zu tun hat, einer Haltung, in der wir auf die Kraft vertrauen, die uns unverfügbar wie überraschend zukommt und uns gerade in Gesten menschlicher Achtsamkeit und Zuneigung geschenkt wird.

Kunst als „fühlende Anerkennung des existenziellen Augenblicks“

Können Kunstprojekte hier weiterhelfen? Die Organisatorinnen dieses Kunstprojekts haben zu Beginn mit den Ausschreibungen an mögliche Bewerberinnen und Bewerber — so nehme ich mal an — keine Kartoffelgrafiken mit den so genannten Sinus-Milieus verschickt, um am Ende die passenden Kunstwerke für die passenden Kirchen im Wiesbadener Stadtgebiet zu finden. Soziografie mag ihre Bedeutung haben auch für die Pastoral, aber die Kunst dieses Projektes besteht ja gerade nicht in Passgenauigkeit, sondern in einer Intensivierung von Wahrnehmung. Die bildnerischen und auf andere Weise natürlich auch die poetischen Werke präsentieren Wahrheit als Wahrnehmung, also nicht statisch, feststellbar, verallgemeinerbar, sondern fühlend, bewegend, existenziell. Künstlerische Werke ermöglichen, so formuliert es Sebastian Leikert, eine „Wahr-Nehmung im Sinne einer fühlenden Anerkennung des existenziellen Augenblicks“².

Besonders anschaulich wurde mir, was mit Wahr-Nehmung in diesem Sinne gemeint sein mag, in der Beschreibung des Werkes von Birgit Weber mit dem Titel „Im Flow“. Die Künstlerin, die an diesem Kunstprojekt teilgenommen hat, lässt den Betrachter auf fünf großen Zeichnungen an ihrem Flow-Erlebnis beim Zeichnen teilhaben. Ich möchte dazu eine Stelle aus dem Katalogtext von Susanne Claußen zitieren, den sie interessanterweise mit „Paradieszeichnungen“ überschrieben hat:

Flow nennt man das glückhafte Erleben einer restlosen Konzentration auf eine Tätigkeit und das vollständige Aufgehen in ihr. Flow ist je nach Definition wie Trance oder ihr zumindest nahe. Flow ist etwas Wunderbares (…) Wo erst noch abgezeichnet wurde, wird das Arbeiten immer freier. Immer fester wird ihr Strich, immer sicherer. Doppelungen und Unschärfen sind dabei kein Ausdruck von Korrekturbedürfnis oder Unsicherheit. Im Gegenteil: Betonungen entstehen so, genaue Abbildungen dessen, was Weber gerade sieht und erlebt. „Richtig“ und „falsch“ als Kategorien, die es beim Abzeichnen, bei der Studie, ja durchaus noch gibt, fallen weg. Es bleibt das künstlerische Tun. Weber führt uns keinen Kontrollverlust vor. Flow ist eben nicht der Verlust von Kontrolle wie in einem Rausch, sondern eher ein In-eins-Gehen von Tun und Wollen. Im Flow ist man völlig eins mit sich. Einssein mit sich und dem, was man tut, das ist ein paradiesischer Zustand.“³

Die geschilderte künstlerische Erfahrung, die, für sich genommen, einzigartig ist, mag im übertragenen Sinn so etwas wie ein paradigmatischer Hintergrund für Gotteserfahrung sein. Theologie und Kirche könnten ihre Arbeit als eine Investition in Sinnlichkeit verstehen im Sinne einer am Blick Jesu geschulten Wahrnehmungskunst. Daraus könnten beide womöglich lernen. Der Gott Jesu Christi ist ja keine neutrale, statische Größe, über die sich umstandslos und gefahrlos reden ließe, sondern eine dramatische menschliche Erfahrung, die mich zum Erzählen drängt und die im Erzählen, in bestimmten Atmosphären, in bestimmten Gesten auch für andere spürbar werden kann. Wahrheit an sich gibt es nicht, wie es auch Gott an sich nicht gibt. Wir können die Wahrheit Gottes nicht durch begriffliche Objektivität absichern. Wir können auf das schauen, was in Erscheinung tritt durch Wahrnehmung. Die in diesem Wettbewerb ausgezeichneten literarischen Texte von Anke Dörsam („Kommen und Gehen“), Yannic Han Biao Federer („Nada“) und von Friedel Weise-Ney („Rattenfänger“) zeichnen sich durch genau diese poetische Wahrnehmungskunst aus. Wer die Dinge, wie sie sich zeigen, zur Quelle seiner Inspiration macht, identifiziert auch religiöse Rede nicht länger mit einem Handeln nach Regeln und dem Anwenden von lehrhaftem Wissen, sondern meint zunächst die ganz ursprüngliche Situiertheit des Menschen in seiner natürlichen, menschlichen und gesellschaftlichen Umwelt.

Wenn die Kraft, die wir für gewöhnlich Gott nennen, unmittelbar ansprechend ist

Es gibt in Begegnungen manchmal Momente, in denen etwas passiert, womit ich nicht rechnen kann: ein Bewegtwerden, in dem meine gewohnten Bilder und Gedanken für einen Augenblick sich öffnen, in einen Möglichkeits- und Ausdrucksraum gelangen, in dem die Spontaneität früher ist als meine herkömmlichen Interessen. Es ist ein nicht näher definierbarer Raum meiner selbst, in dem die Kraft, die wir für gewöhnlich Gott nennen, unmittelbar ansprechend ist. Dieser unverfügbare Moment des Sich-Angesprochen-Fühlens ereignet sich, er kann geschehen; es kann mir passieren. Er ist nicht planbar, nicht berechenbar und schon gar nicht dogmatisierbar. Es ist wie im Flow. Es ist eine berührende Stimmung, die mich gerade vom Definierten und Definierbaren wegführt, um mich neu auszurichten und neu zu bestimmen. Es ist eine aus der Sinnlichkeit aufsteigende, auf ein neues Hören und Sehen hin angelegte Stimmung, die sich als je eigene — als meine, als deine — innere Stimme vor Gott ereignet.

Das Atmosphärische zeigt sich hier als flüchtiger Kern einer Berührung, die mich bewegen will zum Anderen. Die Philosophie und auch die Theologie nennen dieses Berührtsein „Kairós“, einen günstigen Moment, die qualitative Seite der Zeit, in der die Zeichen für eine Begegnung günstig stehen. Um einen solchen Kairós geht es womöglich auch jetzt hier, in diesem Moment.

Standpunkte können bewegen.

(Ich danke Ihnen.)

 

Anmerkungen:

¹  Simone Husemann (Hg.): „Hier stehe ich!… — Standpunkte, die bewegen“. Aktuelle Kunst und Literatur zum Reformationsjahr 2017. Katholische Erwachsenenbildung Wiesbaden-Untertaunus und Rheingau / „Kirche und Kultur“ der Katholischen Kirche der Stadt Wiesbaden. Wiesbaden 2017, S. 8

² Sebastian Leikert: Schönheit und Konflikt. Umrisse einer allgemeinen psychoanalytischen Ästhetik. Gießen, Psychosozial-Verlag 2012, S. 51

³ „Hier stehe ich!… — Standpunkte, die bewegen“, S. 96f.